COMICVERFILMUNG: Ein Cyborg sucht seine Vergangenheit

Die Realverfilmung von «Ghost in the Shell» mit Scarlett Johansson knüpft visuell am Anime-Klassiker an. Der 3D-Film rückt aber die Identitätskrise der Action-Heldin stärker ins Zentrum.

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So kämpferisch wie befremdlich sinnlich: Scarlett Johansson als Mensch-Maschine in «Ghost in the Shell». (Bild: Universal)

So kämpferisch wie befremdlich sinnlich: Scarlett Johansson als Mensch-Maschine in «Ghost in the Shell». (Bild: Universal)

Sind Sie ein Mensch? Die Frage taucht mehrmals auf – in der nahen Zukunft einer namenlosen Megacity, die ebenso asiatisch wirkt wie sie multikulturell pulsiert. Die Frage «Mensch oder nicht» ersetzt in einer biotechnologisch fortgeschrittenen und durchdigitalisierten Welt jene nach der Herkunft, die keine Rolle mehr spielt. Wie viele künstliche Erweiterungen oder «Verbesserungen» ein Mensch in seinem Körper trägt, unterscheidet sie jedoch.

Am weitesten entwickelt ist Major Mira (Scarlett Johansson), eine Mensch-Maschine. Das technisch Modernste, was das Unternehmen Hanka Robotics produzieren kann. Menschlich an Mira ist nur ihr Hirn. Sie ist ein Cyborg, der in einer Eliteeinheit der Terrorbekämpfung zum Einsatz kommt. Als es ein geheimnisvoller Attentäter auf Hanka abgesehen hat, wird Major Mira mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Stimmt die Geschichte vom Tod ihrer Eltern, die ihr die Wissenschafterin und Vertraute Dr. Ouélet (Juliette Binoche) erzählt hat? Die sich auswachsende Identitätskrise von Major Mira ist eine zentrale Abweichung sowohl von der Manga-Vorlage von Masamune Shirow als auch vom Anime-Klassiker von Mamoru Oshii. Doch es ist nicht die einzige Freiheit, die ­ sich die Realverfilmung erlaubt. Durchaus zum Gewinn der Story, die an Emotion gewinnt, während die philosophisch-meditative Ebene von Oshii auch angesichts geballter Actionsequenzen etwas in den Hintergrund rückt.

Visuell grossartige Stadtarchitektur

Die «Whitewashing»-Diskussion um die Besetzung der japanischen Heldin mit Scarlett Johansson erweist sich als Sturm im Wasserglas; einerseits designt hier eine westliche Wissenschaftlerin den weiblichen Cyborg, andererseits ist in dieser multikulturellen Zukunft auch die Elitetruppe ethnisch vielfältig besetzt.

So stilbildend und visionär sich Mamoru Oshiis «Ghost in the Shell» erwies, wäre es eine kaum zu erfüllende Erwar­- tung, dass die 3D-Hollywoodver­filmung durch Rupert Sanders ­einen ähnlichen Meilenstein markieren könnte – zu viele ­Science-Fiction-Filme haben sich bereits aus dieser Quelle bedient. Visuell gelingt dem britischen Regisseur allerdings durchaus ein Spektakel. Insbesondere die Stadtarchitektur der gigantischen Megacity ist in ihrer Detailliertheit und Farbigkeit faszinierend. In der Nacht ein fiebrig leuchtendes, bunt-schillerndes Biotop voller marktschreierischer Verheissungen durch riesige Hologramme; am Tage ein graues, abweisendes Labyrinth aus dreckigem Beton, Stahl und Glas.

Die vollständige Vernetzung der Welt greift dabei bis auf das Unterbewusstsein zurück und wirft eine zentrale Frage auf. ­ Was definiert unseren Charakter: unsere Erinnerungen oder unsere Taten?

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

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