COMIC: Schrei in der Leere

Catherine Meurisse verarbeitet in «Die Leichtigkeit» den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo, den sie durch Zufall überlebt hat. Heute jährt sich der Anschlag zum zweiten Mal.

Oliver Seifert
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Catherine Meurisse zeichnet die Expedition einer Rückkehr zur Normalität. (Bild: PD)

Catherine Meurisse zeichnet die Expedition einer Rückkehr zur Normalität. (Bild: PD)

Oliver Seifert

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@tagblatt.ch

Die junge Frau mit den grossen Augen und der grossen Nase schläft schlecht in dieser Nacht. Liebeskummer plagt sie, und die wirren Träume schweben wie Seifenblasen durch den Raum. Ein Erwachen mit Schrecken am Morgen des 7. Januar: Sie überhört den Wecker, verpasst den Bus. Vor dem Redaktionsgebäude wartet der Kollege Rénald Luzier, dessen verspätetes Erscheinen einen anderen Grund hat: Er hat Geburtstag und gefeiert. Von einer Geiselnahme spricht er, dann verstecken sie sich, und ein aggressives TAK TAK TAK TAK durchdringt die Szenerie. Es ist das repetitive Geräusch von Schüssen aus Sturmgewehren.

Die Illustratorin und Zeichnerin Catherine Meurisse schildert den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo vom 7. Januar 2015 aus ihrer ganz persönlichen Sicht: Während in der Redaktion zwölf Menschen erschossen werden, kommt sie durch den traurigen Zufall mit dem Leben davon. Doch die Unbekümmertheit, das Lachen, der Mut, das sichere Gefühl von Freiheit: wie ausgelöscht. Unter Schock läuft die grob durch eine Kapuzenjacke zusammengehaltene Figur los, läuft durch ein leeres Museum, durch Räume mit grauen Wänden und weissen Bildern, nur ein Motiv sticht aus der Tristesse heraus: «Der Schrei» von Edvard Munch. Viel mehr ist von der Schönheit nicht übrig geblieben. Grenzenlose Leere allerorten.

Zahlreiche verschiedene Erzählperspektiven

Die Französin, Jahrgang 1980, begibt sich in ihrem jetzt auf Deutsch herausgegebenen Comicband «Die Leichtigkeit» auf die Suche nach der verlorenen Zeit, dem verlorenen Selbstverständnis, der verlorenen Sorglosigkeit, der verlorenen Autonomie von Denken und Fühlen, der verlorenen Anmut der Dinge. «Ich bin genauso tot wie meine Freunde, oder die sind genauso lebendig wie ich», stellt sie fest. Stück für Stück, Seite für Seite arbeitet sie die Ereignisse mit einer Menge Wut und Witz im Wechselspiel aus Realität und Fantasie auf.

Kurze Anekdoten stehen neben längeren Reportagen, oberflächliche Anmerkungen neben tiefen Reflexionen. Auf skizzenhafte Cartoons kommen präziser ausgearbeitete Comicpanels, auf schwarzweisse Einzelbilder kolorierte Bilderfolgen, auf Federzeichnungen flächig bunte Aquarelle oder Pastelle. Das nichtlineare Nebeneinander der Inhalte und die Vielfalt der Stile spiegeln die innere Unruhe, das äussere Chaos im Leben der Betroffenen. Dennoch fügen sich die Erzählperspektiven und -weisen zu einer grossen, schlüssigen Gesamterzählung im Kampf um die Zurückgewinnung einer Art Normalität. Mit impulsivem, ungezwungenem, aufs Wesentliche zielendem Strich fängt Meurisse die Szenen einer persönlichen Grenzerfahrung ein, und sie folgt dabei einer Überlebensstrategie: die hässliche, brutale Fratze der Welt mit den bezaubernden, schönen Seiten vergessen machen.

Am Ende kehrt die Farbe zurück

Aus Natur, Kunst und Freundschaft gewinnt die heute 36-Jährige Kraft und Zuversicht. Ans Meer, in die Berge führen Reisen, ebenso nach Rom auf den Spuren von Stendhal, in die Villa Medici, in die Villa Borghese mit der berühmten Gemäldesammlung in der Galleria. Die Selbsttherapie scheint zu gelingen, selbst wenn sich die gewaltige Wirkung der besichtigten Statuen und Gemälde aus Leben und Tod gleichermassen speist. Am Ende des Bandes kehrt die Farbe zurück in die Bilder und die Hoffnung: «Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt.» Strahlend gelber Sand und leuchtend blaues Wasser und Himmel geben eine eindrucksvolle, furchteinflössende Kulisse.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag 2016, 144 S., Fr. 28.90

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