COMIC: Fataler Hang zur Isolierung

Nach seinem ersten, geschichtlichen Comic-Buch «Das Seidenband» bringt der Basler Hannes Nüsseler mit «Das Haus am Wald» nun ein Familiendrama.

Hans Keller
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Ein Minimum an Sprache – und trotzdem souverän erzählt. (Bild: PD)

Ein Minimum an Sprache – und trotzdem souverän erzählt. (Bild: PD)

Hans Keller

focus@tagblatt.ch

Polaroids werden in geselliger Runde herumgereicht, der Aschenbecher quillt beinahe über von Kippen. Später im Buch holt Diana, die Protagonistin, morgens aus einer Kiste eine Schallplatte, die dann auf einem Plattenspieler dreht, während die junge Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt einen Zeitungsartikel mit der Überschrift «Häuserkampf in Sarajewo» studiert. Auf dem Tisch steckt ein Mobiltelefon in seiner Halterung. Polaroids, verrauchte Partys, Schallplatten, Massaker in Ex-Jugoslawien und Mobiltelefone: Man schreibt das Jahr 1992 und Hannes Nüsseler hält sich in seinem «Haus am Wald» ganz an die Staffage der Prä-Internet-Ära.

Es ist eine Zeit des schleichenden, aber nachhaltigen Umbruchs, nicht nur in technologischen Belangen. Die Schweiz muss sich für ein «Ja» oder «Nein» zum EWR entscheiden, Blocher poltert aus der bauchig-voluminösen TV-Kiste gegen Europa, Kachelmann orakelt über das Wetter der nächsten Tage, und Diana schlummert auf dem Sofa im kalten Fernsehlicht. Auch für sie stehen gravierende Änderungen an. Sie hat sich dafür entschieden, das modernistische Haus ihrer Mutter auf dem Land zu bewohnen. Überdies ist Diana schwanger.

Selbstfindung im Haus am Wald

Autobiografisch sei diese Graphic Novel nicht, erklärt Hannes Nüsseler. Die Entwurzelung, die hier geschildert werde, betreffe ihn selbst aber auch. Das Haus am Wald liegt irgendwo im Baselland. «Ich kenne die Zerrissenheit, die die Agglomeration zwischen Basel-Stadt und Basel-Landschaft prägt, sehr genau, denke aber, dass diese Situation weite Teile der Schweiz betrifft», sinniert der Autor. Die Entscheidung, in das Haus am Wald zu ziehen, führt Diana in eine Art Isolierung, obschon dort in Sichtweite noch ein anderes, mysteriöses Haus steht. Diana denkt, dass sie im Haus ihrer Mutter Ruhe findet, um ihre Abschlussarbeit zu erledigen. Gleichzeitig wirkt ihr Rückzug wie eine Art Symbol für die Isolation, in welche sich die Schweiz just zu dieser Zeit mit dem Nein zum EWR zu begeben droht.

Der Umzug in das Haus am Wald evoziert für Diana schliesslich auch eine Selbstfindung, macht sie aber zunächst auch mit einem völlig neuen Umfeld bekannt, wofür man nicht nach Afrika zu dislozieren braucht; es reicht ein Wechsel von Basel-Stadt nach Basel-Landschaft. Der süsslich lächelnde Pfarrer des neuen Wohnortes steht bald einmal vor der Türe und lädt zu einem Basar im Dorf ein, wo Diana die durch ihren Vater Franz aus Afrika mitgebrachten Masken anbietet. Ein Symbol dafür, dass Dianas Haus und seine früheren Bewohner im dörflichen Umfeld stets irgendwie fremd wirkten.

Keine billige Effekthascherei

Äusserst beeindruckend ist nun vor allem, wie clever diese Selbstfindung von Nüsseler inszeniert wird. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Oft sprechen seitenweise lediglich die Bilder. Im Gegensatz zu etlichen anderen Graphic Novels, deren Schöpfer mit ausuferndem Geschwafel übertünchen, dass sie nicht fähig sind, ihrer Optik einschlägigen Ausdruck zu verschaffen, wird im «Haus am Wald» das Auge von bildnerischen Details – etwa mit ostasiatischer Leichtigkeit hingepinselten Baumkronen – assoziativ und wortlos in eine Ferienrückblende am Meer geleitet. Zu den mit Chinatusche lebendig und elegant-dynamisch umschmeichelten Gestalten gesellen sich Rasterflächen, die dezente Tiefe schaffen, aber auch gelegentlich – etwa bei einem Gewitter – zu kompakter Düsterkeit verkleben können. Eine souverän erzählte Bildergeschichte ohne billige Effekthascherei.

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