Coltrane trifft «Seppli»

Der Baptistenpredigersohn Brian Blade und der Bassist Bänz Oester mit seinen Rainmakers begeisterten am 40. Jazzfestival Willisau das Publikum.

Tom Gsteiger
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Fellowship Band: Brian Blade. (Bild: Marcel Meier)

Fellowship Band: Brian Blade. (Bild: Marcel Meier)

John Coltrane verwandelte die Musical-Melodie «My Favorite Things» in einen Jazzhit. Bänz Oester verfährt nun mit «Dr Schacher Seppli» ganz ähnlich. In beiden Fällen haben wir es mit musikalischer Alchemie im Kollektiv zu tun. Zugespitzt gesagt: Ohne McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones wäre Coltrane auf verlorenem Posten gestanden. Wie der triumphale Auftritt am 40. Jazzfestival Willisau zeigte, hat der Berner Bassist Oester mit seinen Rainmakers ebenfalls einen Volltreffer gelandet.

Ihre Feuertaufe hatten die Regenmacher vor zwei Jahren bei einem Gastspiel im Basler Jazzclub Bird's Eye – neben Oester gehören die südafrikanischen Tollkühnheitsexperten Afrika Mkhize am Klavier und Ayanda Sikade am Schlagzeug sowie der welsche Tenorsaxophonist Ganesh Geymeier, dessen Spiel optimal mit seiner imposanten Statur korreliert, zur Band. Wir haben es also mit einem hundskommunen, altmodischen Jazzquartett zu tun.

Tatsächlich lassen die Rainmakers alle angesagten Konzepte links liegen und konzentrieren sich voll und ganz auf eine Kernkompetenz des Jazz, die im Zeitalter der Akademisierung leider in Vergessenheit zu geraten droht: Man nehme recht einfache Stücke und überlasse den Rest der Intuition. Das klingt einfacher, als es ist – damit sich innerhalb einer Band ein Flow der Energien und Ideen entwickeln kann, braucht es grenzenloses gegenseitiges Vertrauen.

Gottesdienst ohne Worte

Dieses Urvertrauen ist auch bei der Fellowship Band des Schlagzeugers Brian Blade zu spüren. Mit Bassist Chris Thomas und Pianist Jon Cowherd traf Blade während der College-Zeit zusammen, die Saxophonisten Myron Walden und Melvin Butler sind ebenfalls langjährige Weggefährten. Blade kam 1970 als Sohn eines Baptistenpredigers auf die Welt, ein Album von Cowherd heisst «Mercy», Butler befasst sich als Professor mit Musik und Religion.

Das Repertoire dieser «Jesus-Jazz-Band» weckt Erinnerungen an Choräle, Hymnen und Spirituals – und die Saxophonisten steigern sich immer wieder in ekstatische Predigerpassagen hinein. Dazu kommen Anklänge an Südstaaten-Folk. Dieser Gottesdienst traf einen grossen Teil des Publikums mitten ins Herz.

Zu den Kernkompetenzkollektiven gehörten die Five Elements des Altsaxophonisten Steve Coleman mit ihrer eher strengen Mischung aus Fraktalgeometrie-Funk und Algebra-Bebop. Aber die spannendste Versuchsanordnung war das Zusammentreffen des singenden «Urban Cowboy» Howe Gelb aus Arizona mit dem Experimentiertrio Radian aus Wien. Das Resultat: eine Trial-&-Error-Performance, die zwischen unendlich peinlich und wunderbar atmosphärisch oszillierte. Ähnlich der Soloauftritt des Gitarristen Marc Ribot, der in die Rolle eines modernen Woody Guthrie schlüpfte und Protestsongs zum Besten gab.

Versatzstücke rumschieben

Stimmungsvolle und abwechslungsreiche Versatzstücke-Rumschieberei betrieben die Pianistinnen Vera Kappeler (im Duo mit Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor) und Sylvie Courvoisier (im Trio mit Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Kenny Wollesen) – im ersten Fall verschroben-grüblerisch, im zweiten extrovertiert-verspielt. Den ersten Preis als Erzexzentriker darf sich der Sound- und Rhythmustüftler Henry Threadgill abholen: Er liess sein ungewöhnlich instrumentiertes Ensemble Double-Up durch eine Partitur kurven, die sehr viel Freiraum für improvisatorische Eingriffe liess. Nur selten verliess er seinen Hocker am linken Bühnenrand, um einen Rhythmus zu klatschen oder Einsätze zu geben. Zum Schluss kam er alleine auf die Bühne, das Notenbündel in die Höhe haltend.

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