CLUBKULTUR: Experimente in der Ostschweizer-Partyszene ziehen nicht mehr

Nichtkommerzielle Ostschweizer Musikclubs und Konzertlokale kämpfen mit rückläufigen Besucherzahlen. Das Publikum wird immer wählerischer. Der Dachverband der Clubbetreiber ist alarmiert.

Philipp Bürkler
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Auch das üblicherweise gutbesuchte Palace kämpft bei Konzerten zunehmend mit Publikumsmangel. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 8. Oktober 2016))

Auch das üblicherweise gutbesuchte Palace kämpft bei Konzerten zunehmend mit Publikumsmangel. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 8. Oktober 2016))

Philipp Bürkler

philipp.buerkler@tagblatt.ch

Es ist Samstagabend. In der Grabenhalle St. Gallen steht eine unbekannte Band auf der Bühne, die musikalisch jedoch auf höchstem Niveau spielt. Vor der Bühne gähnende Leere; wenn es gut kommt, tanzen knapp zwei Dutzend Leute zu den Rhythmen, Platz böte die Grabenhalle für 450 Personen. Szenenwechsel. Freitagabend im Kulturbahnhof Gare de Lion in Wil: Auf der Bühne steht die bekannte britische Hip-Hop-Combo Stereo MC’s, vor der Bühne fast kein Publikum. Solche Situationen sind keine Seltenheit und betreffen praktisch alle Clubs und Konzertlokale. Immer öfter bleibt der Dancefloor leer.

Woran liegt das? Einer der Gründe ist das Überangebot. Vor allem in den Sommermonaten erhalten Clubs zusätzliche Konkurrenz durch Musikfestivals, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Die Konkurrenz ist aber das ganze Jahr über gross. Kein anderes Land hat so viele Clubs und Konzertlokale wie die Schweiz, gemessen an der Einwohnerzahl. Der Dachverband der nicht-gewinnorientierten Musikclubs und Festivals Petzi zählt schweizweit 178 Mitglieder, kommerzielle Veranstalter, Partyclubs, Dancings- und Gross-Konzertver- anstalter sind hier nicht mitgerechnet.

Experimente akzeptiert das Publikum immer seltener

Neben der Übersättigung des Ausgehangebots ist aber auch die Toleranz des Publikums gesunken, unbekannte Künstler sowie experimentellen Sound zu entdecken. «Was die Leute nicht kennen, wollen sie auch nicht sehen», sagt Sascha Vujcin, Programmmacher bei der Grabenhalle St. Gallen. Das bestätigt auch Damian Hohl vom Palace, das nur wenige Schritte entfernt ist. «Die Toleranz gegenüber neuer Musik ist gesunken.» Sie sind nicht die einzigen mit solchen Erfahrungen. Experimente seien heikel, bestätigt auch Matthias Loepfe vom Kulturbahnhof Gare de Lion in Wil: «Umso höher der Eintritt, desto weniger haben die Leute Lust, sich auf Ausgefallenes einzulassen.» Besser seien Singer-Songwriter-Abende mit einem Eintritt von rund 15 Franken besucht.

Mit ein Grund für das Desinteresse an Neuem und Ungehörtem sind Webseiten wie Spotify, Youtube und Facebook. Neue Musik wird vorwiegend auf diesen Plattformen entdeckt und nicht mehr in einem Club. «Die Leute sind nicht mehr wie früher auf ein Clubprogramm angewiesen, um neue Musik zu entdecken. Sie kennen sie bereits aus dem Netz», sagt Hohl. Live angeschaut und Eintritt bezahlt wird noch für Künstler, die zu 100 Prozent gefallen.

Internationalisierung der Partykultur

Ein weiterer Grund für das abnehmende Interesse ist die Globalisierung der Ausgangs- und Partykultur. «Heute fliegt man schnell mit Easy Jet nach Berlin und hört sich seine Lieblingskünstler dort an», so Damian Hohl. Für kleinere und mittlere Clubs abseits der grösseren Zentren St. Gallen oder Winterthur hat auch das Bahnangebot Einfluss auf die Besucherzahl. «Den grössten Strich durch die Rechnung machen uns der öffentliche Verkehr und die Nachtzüge», erklärt Petra Nüssli, Präsidentin vom Kraftwerk im toggenburgischen Krummenau. Wer am Samstagabend mit dem Zug nach St. Gallen zu einer Party fährt, gibt sein Geld nicht im Kraftwerk aus. «Noch vor wenigen Jahren war das Kraftwerk für die Leute in der Region die einzige Ausgehmöglichkeit, da es noch keine Nachtzüge gab.»

Gentrifizierung ist Gift für Underground-Kultur

Es gibt noch weitere Faktoren, die bei Clubbetreibern Existenzängste auslösen können. Isabelle von Walterskirchen, Geschäftsleiterin von Petzi, dem Dachverband der Schweizer Konzertclubs, kennt sie: Da ist zum einen die Gentrifizierung, also die Aufwertung von Quartieren durch neue Wohnhäuser oder Renovierungen. «Sie bewirkt, dass etablierte Clubs verdrängt werden, weil sich entweder neue Anwohner vom Lärm gestört fühlen oder die Mieten unbezahlbar hoch werden.» Der Streit mit einem Nachbar, der sich vom «Lärm» des Kulturlokals Kugl beim Güterbahnhof St. Gallen gestört fühlte und die Schliessung forderte, zeigte beispielhaft, in welch heiklem Spannungsfeld sich Betreiber und Clubverantwortliche befinden. Das Kugl ist kein Einzelfall: Auch der Horst Klub in Kreuzlingen kämpfte über Monate mit «lärmgeplagten» Nachbarn. Kugl und Horst Klub haben mittlerweile die Konflikte beigelegt und dürfen weiterhin Veranstaltungen durchführen.

Verändert hat sich aber auch das Musikgeschäft und die Ansprüche der Künstler. «Die Künstlergagen sind explodiert», so Isabelle von Walterskirchen. Das ist ein Dilemma. Günstigere Bands locken kein Publikum an, während bekanntere zu teuer und deshalb ein finanzielles Risiko sind. Partys ohne Liveband nur mit DJs sind für Veranstalter deshalb lukrativer. «Viele Veranstalter querfinanzieren ihre Konzerte mit Partys.» Im Gegensatz zu einem Konzert, das in der Regel gegen Mitternacht fertig ist, konsumieren Besucher an einer Party bis in die frühen Morgenstunden an der Bar, was sich positiv auf die Einnahmen auswirkt.

Als weiteren Grund für die zunehmend schwierige Lage von Veranstaltern sieht von Walterskirchen auch gekürzte oder gar gestrichene Kultursubventionen. Eine Tendenz, die die Geschäftsführerin von Petzi schweizweit feststellt. «In der Politik herrscht ein mangelndes Bewusstsein für den sozialen und kulturellen Wert von Livemusik und Clubkultur. Kulturbudgets werden immer zuerst gekürzt.»

Nur gerade ein Prozent der gesamten Subventionen von Bund, Kantonen und Gemeinden in Höhe von jährlich rund 2,8 Milliarden Franken fliessen in die aktuelle Musikkultur. Doch gerade auch kleinere Clubs haben eine kulturvermittelnde Rolle. Sogenannte «Grassroot-Venues» fördern nicht nur das Schweizer Musikschaffen, sondern bilden das Fundament für Szenen und Subkulturen aller Art.