Cliff Richard forever

Seit 56 Jahren steht der britische Rock- und Popsänger Cliff Richard auf der Bühne. Im Herbst kommt sein 100. Album auf den Markt. Porträt eines Unmodernen, den die Fans lieben.

Sebastian Borger
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Sir Cliff Richard während seines Auftritts am «Queen's Jubilee Concert» 2012 vor dem Buckingham Palace in London. (Bild: ap/Joel Ryan)

Sir Cliff Richard während seines Auftritts am «Queen's Jubilee Concert» 2012 vor dem Buckingham Palace in London. (Bild: ap/Joel Ryan)

Von Sir Cliff Richard war zuletzt wenig zu hören. Das liegt einerseits daran, dass viele Radiosender seiner britischen Heimat einen inoffiziellen Boykott gegen einen der erfolgreichsten Musiker des Landes einhalten. Andererseits muss ein 72-Jähriger vielleicht auch nicht jede Woche in den Spalten der Klatschgazetten auftauchen.

Cliff Richard hat alles

Stolzer Besitzer einer Luxusvilla auf Barbados, je einer Wohnung in New York und vor den Toren Londons, dazu eines ertragreichen Weinguts in Portugal; von Königin Elisabeth zum Ritter geschlagen, geachtet als fleissiger Geldeinwerber für Wohlfahrtsorganisationen, geliebt von einem treuen Fanclub weltweit – der bekannteste Christ seines Heimatlandes hätte allen Grund dazu, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Aber so ist der Künstler nicht gebaut, der mit weichen Popsongs wie «Congratulations», «We don't talk anymore» oder «Summer Holiday» berühmt wurde. Cliff Richard lebt diszipliniert, hält sich mit Schwimmen und Tennis fit und könnte leicht für einen Sechzigjährigen durchgehen.

Das 100. Album kommt

Seit 1957 – die Sowjetunion schickte ihren ersten Satelliten Sputnik ins All – tritt der in Indien geborene Junge aus der Londoner Vorstadt Cheshunt öffentlich auf, zunächst noch unter seinem Geburtsnamen Harry Webb. 1958 veröffentlichte er als Cliff Richard seine erste Single «Move It», die niemand anders als der ermordete Beatle John Lennon später als Inspiration und «erste britische Rockschallplatte» bezeichnete.

Das erste Album folgte ein Jahr später, und seither ist Cliff Richard nicht mehr stillgestanden. Im Herbst kommt nun sein 100. Album auf den Markt. Es wird «The Fabulous Rock 'n' Roll Songbook» heissen und Cover-Versionen bekannter und längst vergessener Hits der Fünfzigerjahre enthalten. «Wenn Sie in einem bestimmten Alter sind», erläutert Richard an seine Generation gewandt, «wird die Musik Sie an längst vergangene Zeiten erinnern.»

Aber er hofft auch unverdrossen auf jüngere Hörer. Die würden, glaubt er, einen heilsamen Schock erleiden und begreifen, «wie damals der Rock 'n' Roll die Welt wachgerüttelt hat». Allein drei Lieder gehen auf Richards grösstes Idol zurück: «Ohne Elvis Presley gäbe es keinen Cliff Richard.»

Kein Skandal weit und breit

Beinahe rührend, wie unmodern dieser Rocker daherkommt, dazu überlegt, freundlich, selbst impertinente Fragen nach seinem Sexualleben mit einem Lächeln beantwortend. Es hat keine Skandale gegeben in Cliff Richards Leben, keine enttäuschten Liebhaberinnen, keine toten Strichjungen im Swimmingpool. Er pflegt keine ausgefallenen Hobbies, trägt lieber Armani als zerfetzte Jeans. Sein Gesicht gleicht nicht der Bombenkrater-Landschaft von Verdun, kurzum: Da fehlt der Glamour eines Mick Jagger oder Keith Richards, jene Mischung aus Faszination und Grusel, die Nachgeborene beim Anblick der Millionen-schweren Rockopas empfinden.

Die Leute mögen ihn

Vielleicht ist dies der Grund, warum ausgerechnet in der Heimat viele vermeintliche Kenner die Nase rümpfen oder den Künstler Cliff Richard am liebsten totschweigen. Er passt nicht ins längst lächerlich gewordene Klischee von den Bad Boys der Rock-Bewegung.

Cliff Richard ärgert sich darüber und macht seinem Zorn auch öffentlich Luft. Die Borniertheit des vermeintlich coolen Musikestablishments hat er schon 1998 anschaulich bewiesen: Da kam seine Komposition «Can't keep this feeling in» unter Pseudonym auf den Markt. Die Radiostationen spielten das Lied gern, bis der wirkliche Urheber sich zu erkennen gab. Dass Richard im Jahr darauf die Frechheit besass, mit «Millennium Prayer» eine moderne Fassung des Vaterunsers aufzunehmen, fand seine langjährige Plattenfirma EMI unmöglich. Bei einem anderen Label brachte es das gesungene Gebet zur Jahrtausendwende auf Nummer eins der Hitparade. Die Leute mochten es.

Das ist wohl ohnehin das Geheimnis des Künstlers Cliff Richard. Seine Fans teilten einst die Begeisterung für jene neue Musik, die da aus den USA nach Europa geschwappt war. Sie teilten aber auch seine ganz schlichten Vorstellungen von harter Arbeit, bürgerlicher Existenz und guten Manieren.

Millionen vor den Bildschirmen

Sie sind dem Mann treu geblieben, auch als er der vermeintlichen Avantgarde längst als uncool galt, weil er keine Drogen nahm und auf Evangelisierungskonzerten des Predigers Billy Graham auftrat. Wann immer die TV-Anstalten in Britannien sich des Popidols erinnern, sitzen Millionen von Briten vor den Fernsehschirmen.