Cineclub zügelt in die Grabenhalle

Um weiterhin auch Filmklassiker zeigen zu können, wechselt der Cineclub St. Gallen den Standort. Der Verein für Filmfreunde zügelt vom Kino Rex in die Grabenhalle – auch wenn man damit vielleicht ein paar Mitglieder verschreckt.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
«Die Bar soll ein Treffpunkt sein.»: Der neue Cineclub-Präsident Kay Kröger in der Grabenhalle, wo der Filmverein von nun an zu Gast ist. (Bild: Michel Canonica)

«Die Bar soll ein Treffpunkt sein.»: Der neue Cineclub-Präsident Kay Kröger in der Grabenhalle, wo der Filmverein von nun an zu Gast ist. (Bild: Michel Canonica)

Das Kino von heute ist digital. Neue Filme rattern im Vorführraum nicht mehr ab Filmrollen, sondern werden per Mausklick ab Festplatte gespielt. Auch die Stadtkinos haben in den vergangenen zwei Jahren von analog auf digital umgestellt – was auch für den Cineclub St. Gallen Folgen hat. Seit mehr als 60 Jahren ist der Verein für Filmliebhaber mit einem ausgesuchten Programm in den Kinos der Stadt präsent. Neben aktuellen Spiel- und Dokumentarfilmen zeigt der Cineclub in jeder Saison auch Reprisen. Doch die meisten dieser älteren Filme sind noch nicht digitalisiert, und eine 35-mm-Kopie davon zu bestellen, ist für einen kleinen Verein wie den Cineclub zu teuer. «Das können sich nur die grossen Filmfestivals leisten», sagt Antoinette Maurer vom Cineclub-Vorstand.

Um weiterhin Filmklassiker zeigen zu können, zügelt der Cineclub nun vom Kino Rex in die Grabenhalle. Dort ist es möglich, die Reprisen ab Bluray-Scheiben abzuspielen. Die dazu nötigen Vorführrechte holt sich der Cineclub manchmal auf neuen Wegen. Um zum Beispiel die Erlaubnis für «Nosferatu» von Werner Herzog aus dem Jahr 1979 zu bekommen, fragte Antoinette Maurer direkt das Sekretariat des deutschen Regisseurs an – und bekam die Bluray per Post zugeschickt.

Zwei Vorstellungen pro Abend

Für Kay Kröger, den neuen Präsidenten des Cineclubs, hat der Umzug in die Grabenhalle noch weitere Vorteile. «Auf vielfachen Wunsch hin können wir die Filme jetzt zweimal pro Abend zeigen», sagt der 43-Jährige. Die Frühvorstellung gefalle einerseits dem älteren Stammpublikum, anderseits könnten sich Berufstätige den Film direkt nach der Arbeit ansehen. Für die Grabenhalle spreche ausserdem, dass es dort eine Bar gibt, die jeweils vor, zwischen und nach den Filmvorführungen geöffnet ist. «Die Bar soll ein Treffpunkt sein. Eine Plattform, um über den gesehenen Film zu diskutieren», sagt Kröger. Gleichzeitig bezeichnet er den neuen, ungewohnten Kino-Ort als «spannende Friktionsstelle». Vielleicht möge man das eine oder andere Mitglied damit verschrecken, doch die Grabenhalle sei für den Cineclub auch eine Chance, zeitgemässer zu werden und den «Mief des Plüschkinos» loszuwerden.

Ein Auge auf den Schweizer Film

Das Filmkonzept bleibt am neuen Ort aber das alte. «Dokumentarfilme, neue Spielfilme und Reprisen, mit einem Auge auf den Schweizer Film», so fasst es Antoinette Maurer zusammen. Ab dem 18. November stehen wiederum elf Filme auf dem Programm (siehe Kasten). Diesmal zum Thema «Umbrüche» – was zum Umzug passt.

Plötzlich Fernsehen

«In jedem Film werden Personen mit etwas völlig Neuem konfrontiert», sagt Antoinette Maurer. In «When Pigs Have Wings» zum Beispiel fängt ein moslemischer Fischer aus Versehen ein Schwein und muss mit diesem unreinen Tier fertig werden. In «Kukushka» muss eine alleinstehende Frau plötzlich mit zwei fremden Soldaten in ihrem Haus auskommen. In «Le Thé Ou L'Électricité» wird ein marokkanisches Bergdorf von einem Tag auf den anderen mit Strom und Fernsehen konfrontiert.

Aktuelle Nachrichten