«Cinderella» als Ballett, «A Sound of Music» als Musical, eine Hausautorin fürs Schauspiel: Das sind die Pläne von Konzert und Theater St.Gallen für nächste Spielzeit

Covid-19 durchkreuzte einige Vorhaben des Dreispartenhauses und der St.Galler Sinfoniker. Jetzt präsentieren Konzert und Theater St.Gallen den neuen Spielplan, und auch wenn er noch nicht im Detail steht und einiges offen ist: Er klingt vielversprechend.

Bettina Kugler und Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
Werner Signer, Geschäftsführender Direktor von Konzert und Theater St.Gallen, freut sich über die «Welle der Solidarität», die sein Haus während des Lockdowns erfahren habe.

Werner Signer, Geschäftsführender Direktor von Konzert und Theater St.Gallen, freut sich über die «Welle der Solidarität», die sein Haus während des Lockdowns erfahren habe.

Bild: Nik Roth (St.Gallen, 16.6.2020)

Verlassen und in Aufbruchstimmung wirkt das Foyer des Theaters St.Gallen an der Medienkonferenz, der letzten Veranstaltung im Haus vor der Totalsanierung. Dies nicht zuletzt, weil die Direktoren der vier Sparten vorbildlich Abstand wahren und sich im Raum verteilen - während draussen vor dem Fenster das Opernensemble auf der Freilichtbühne beiläufig vorführt, wie Proben unter den Massgaben des Coronaschutzes aussehen: wetterfest und flexibel.

Schon ziemlich leer, bald ganz leer: Das Foyer des Theaters St.Gallen an der letzten offiziellen Veranstaltung vor der Sanierung – der Medienorientierung über den Spielplan 2020/2021.

Schon ziemlich leer, bald ganz leer: Das Foyer des Theaters St.Gallen an der letzten offiziellen Veranstaltung vor der Sanierung – der Medienorientierung über den Spielplan 2020/2021.

Bild: Nik Roth

Die Zuversicht ist gross, dass auch das Publikum mitspielen wird unter den speziellen Bedingungen der kommenden Saison im Theater-Provisorium und der Lokremise. Etliche Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich in den vergangenen Monaten spendabel gezeigt und auf die Rückerstattung bereits bezahlter Billette verzichtet. Der Betrag beläuft sich auf mehr als 250'000 Franken. «Wir haben eine Welle der Solidarität erfahren», sagt Werner Signer, Geschäftsführender Direktor von Konzert und Theater St. Gallen. Nun hoffen er und die künstlerischen Leiter auf die Neugier des Publikums, auf seine Risikofreude – und auf weitere Lockerungen der Schutzmassnahmen.

Oper: Zum Abschied «Notre Dame» vor der Kathedrale – mit «zu Herzen gehender Musik»

Operndirektor Peter Heilker

Operndirektor Peter Heilker

Bild: Nik Roth

Für Operndirektor Peter Heilker ist die Dreizehn nach wie vor eine Glückszahl; daran hat der 13. März, als der Spielbetrieb eingestellt werden musste, ein Freitag zumal, nichts geändert. Gleichwohl musste er Pläne für seine letzte Spielzeit in St. Gallen, die dreizehnte, umstellen und überdenken – und auf Carl Maria von Webers «Freischütz» zum Spielzeitauftakt verzichten: Die derzeit geltenden Abstandsregeln für Chor und Orchester sind unvereinbar mit einem Werk dieser Besetzungsstärke. Das ist besonders schade, weil es als Doppelproduktion, als «Joint Venture» mit dem Schauspiel gedacht war, das im Oktober «The Black Rider» von Waits/Wilson auf die Bühne bringen wird.

Stattdessen wird nun Händels «Giulio Cesare» die Saison im Musiktheater eröffnen – jene Produktion, die im März als erste «dem Fallbeil der Pandemie zum Opfer fiel», wie Heilker es süffisant wie gewohnt formuliert. Das Virus hat ihm nicht die Stimmung verdorben; sein Abschiedsprogramm setzt nicht auf Wehmut, sondern auf eine gute Show, mit populären, eingängigen Musicals wie «The Sound of Music» im Dezember und «Jesus Christ Superstar» im Februar. Er bringt Publikumslieblinge wie die St.Gallerin Brigitte Oelke oder seine «Hausdiva» Katia Pellegrino ins Provisorium, aber auch aufstrebende Sänger und Musicalgrössen, die er schon länger auf der Wunschliste hatte – etwa Riccardo Greco als Jesus.

Das Musical «Wüstenblume» mit Kerry Jean als Waris Dirie wird kommende Saison im Theaterprovisorium gespielt.

Das Musical «Wüstenblume» mit Kerry Jean als Waris Dirie wird kommende Saison im Theaterprovisorium gespielt.

Bild: Andreas J. Etter

Ein Coup ist auch dabei, mit dem man unter derzeitigen Bedingungen nicht rechnen konnte: Verdis «Aida», aus Heilkers Sicht kein Grossspektakel, sondern «eher ein Kammerstück». Plan B sieht vor, dass Chor und Orchester aus der Tonhalle übertragen werden, falls im Januar noch immer auf Distanz gespielt und gesungen werden müsste. Einen besonderen Abschied gönnt Peter Heilker sich mit «Notre Dame» als Oper auf dem Klosterplatz, mit «zu Herzen gehender Musik» des österreichischen Komponisten Franz Schmidt – nicht zuletzt als Trost für die in diesem Jahr abgesagten Festspiele.

Schauspiel: «Die Weltlage stellt Fragen an uns, das Theater muss darauf reagieren»

Schauspieldirektor Jonas Knecht

Schauspieldirektor Jonas Knecht

Bild: Nik Roth

Wie viele Versionen des Spielplans er gemacht habe? «Es waren extrem viele», sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht. Dauernd änderten sich die Parameter, und es galt, sich zig Wenn-dann- oder Was-wäre-wenn-Pläne auszudenken.

Jetzt steht der Plan für die nächste Spielzeit, aber noch nicht ganz. Jonas Knecht will mit seinem Ensemble raus, raus aus den etablierten Spielstätten, rein in die Stadt, in den Kanton, und neue Plätze erobern. Aber da sei man mit der Planung coronabedingt noch nicht so weit. Das Virus hat nicht nur die Welt im Griff, sondern auch die Künstlerinnen und Künstler. Jonas Knecht sagt:

«Die Weltlage stellt Fragen an uns, das Theater muss darauf reagieren.»

Mit einer Carte-Blanche-Produktion wolle man diesen Fragen nachgehen, forschend, suchend, wie sich diese Pandemie auswirkt: Ein längeres Rechercheprojekt ist angedacht.

Nur mit zwei Produktionen ist das Schauspiel auf der grossen Bühne im Theaterprovisorium zu sehen («Black Rider», das Musikschauspiel von Tom Waits und Robert Wilson sowie «König Lear»), dafür steht neue Dramatik im Mittelpunkt. Das Schauspiel St.Gallen ist Partner von Dramenprozessor, der Werkstatt für szenisches Schreiben. In diesem Rahmen wird der Krimi «Schleifpunkt» (von Maria Ursprung) als Co-Produktion aufgeführt. Zum ersten Mal ist das Schauspiel St.Gallen Partner von Stücklabor (dem Förderprogramm für junge Schweizer Dramatikerinnen und Dramatiker) und holt Maria Ursprung als Hausautorin für ein Jahr ans Theater St.Gallen. Sie wird fürs Schauspiel ein Stück schreiben und mehrere «Gebrauchstexte», wie Jonas Knecht sagt.

Die Schauspielproduktion «Verminte Seelen» zur administrativen Versorgung soll kommende Spielzeit in mehreren Schweizer Theatern gastieren.

Die Schauspielproduktion «Verminte Seelen» zur administrativen Versorgung soll kommende Spielzeit in mehreren Schweizer Theatern gastieren.

Bild: Jos Schmid

Zwei weitere Produktionen stechen heraus. Unter dem Titel «Hot Spot Ost: Letzte Chance 2031» wird ein St.Galler Autorenteam (Hans-Ruedi Beck, Rolf Bosshart, Dani Fels und Tagblatt-Journalist Marcel Elsener) um Brigitte Schmid-Gugler eine Theater-Serie erschaffen. Thema: St.Gallens Minderwertigkeitskomplex, keine Grossstadt zu sein. Mit «Radikal Allein» startet das Schauspiel eine weitere Reihe, diesmal mit Monologen, die an verschiedenen Orten wie einer Beiz, dem Umbau-Foyer, dem Theatercontainer oder dem Mühleggbähnli aufgeführt werden sollen.

Tanz: «Unsere Tänzerinnen und Tänzer sollen ihre eigene choreografische Körpersprache entdecken»

Tanzchef Kinsun Chan

Tanzchef Kinsun Chan

Bild: Nik Roth

Tanzchef Kinsun Chan hat seine erste Saison am Theater St.Gallen fast hinter sich, und sie war geprägt von der Pandemie. Jetzt freut er sich, dass er positiv vorwärts denken könne – auch wenn sich die Schutzvorgaben auf den Tanz noch immer stark auswirken. Aktuell choreografiert Chan alles auf mindestens zwei Meter Abstand. Er sei in der glücklichen Lage, dass zwei Paare zusammenwohnen und somit auch Duette tanzen können. Für den Rest seiner Compagnie gilt: Mindestabstand.

Doch Kinsun Chan sieht das als kreative Herausforderung. Er komme ursprünglich von der Kunst und Grafik, dort habe er gelernt:

«Durch Grenzen hindurch kommt man zu noch mehr Kreativität.»

Natürlich hofft er, dass die Massnahmen bald gelockert werden. Chan wird im März das Handlungsballett «Cinderella» choreografieren, ein Stück, das schon lange auf seiner Wunschliste steht – und mit Glück seien die strikten Abstandsregeln bis dahin wieder aufgehoben.

Mit «Coal, Ashes and Light» feierte Kinsun Chan einen ersten Erfolg als St.Galler Tanzchef.

Mit «Coal, Ashes and Light» feierte Kinsun Chan einen ersten Erfolg als St.Galler Tanzchef.

Bild: Gregory Batardon

Kinsun Chan rückt kommende Spielzeit den Choreografie-Nachwuchs in den Fokus: Er entwickelt mit der Zürcher Hochschule der Künste eine Plattform für junge Choreografinnen und Choreografen. Im Mai sind unter dem Titel «Raw» Uraufführung geplant von Dance-Masterstudierenden – sowie seiner Compagnie:

«Unsere Tänzerinnen und Tänzer sollen ihre eigene choreografische Körpersprache entdecken.»

Diese Plattform soll jährlich geboten werden, die dort entstandenen Werke werden in St.Gallen und Zürich gezeigt.

Konzert: «Etwas Heroisches ist derzeit durchaus angebracht»

Konzertdirektor Florian Scheiber

Konzertdirektor Florian Scheiber

Bild: Nik Roth

Mit seinen Serenaden in kleinen Besetzungen gibt sich das Sinfonieorchester St.Gallen in diesen Tagen beschwingt, voller Lust, wieder vor Publikum zu musizieren. Nach dem Sommer aber macht es ernst und verlässt die Gefilde des Unterhaltsamen. Weil das Wiedersehen und -hören nicht wie geplant vor gut zweitausend Zuhörerinnen und Zuhörern open Air auf dem Gallusplatz stattfinden kann, gibt es den Gratis-Willkommensgruss diesmal Anfang September in der Tonhalle, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden, mit der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms – wohl auch stellvertretend für die grossen Werke von Mahler und Prokofjew, die das Orchester erst in den nächsten Jahren wird nachholen können.

Immerhin ist man optimistisch genug, Mahlers 9. Sinfonie für Februar zu programmieren; dafür werden zwanzig Musiker aus Vilnius hinzukommen, wo Chefdirigent Modestas Pitrenas die litauische Nationalphilharmonie leitet. Es sei derzeit «angebracht, sich mit etwas Heroischem zu beschäftigen», betont Konzertdirektor Florian Scheiber zum Hauptwerk des ersten Tonhalle-Konzerts: Beethovens 3. Sinfonie, bekannt als «Eroica».

Mit der Pianistin Anna Fedorova gastierte das St.Galler Sinfonieorchester im Februar 2020 im Concertgebouw in Amsterdam.

Doch auch Himmlisches von Strauss, Schubert, Mozart und Bruckner prägt die Werkauswahl; Modestas Pitrenas wird sich neben Beethoven dem französischen Repertoire zuwenden. Zudem geben sich namhafte Künstler die Klinke in die Hand: die Cellistin Sol Gabetta, Blockflötist Maurice Steger, die Pianisten Anna Fedorova, Fazil Say, Rafal Blechacz. Erstmals wird das Orchester im «Verrucano» Mels gastieren – einem neuen grossen Konzertsaal. Eine grossartige Chance sieht Florian Scheiber in diesem Saal, der derzeit fertiggestellt wird: «Wir hoffen, nun endlich auch regelmässig im Süden des Kantons präsent sein zu können.»

Mehr zum Thema