Chronist der Gegenwart

Der Schriftsteller Rainald Goetz bekommt den Georg-Büchner-Preis. Noch immer gilt er als Enfant terrible der deutschen Literatur.

Thomas Maier, dpa
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Der Schriftsteller Rainald Goetz wird mit dem Georg-Büchner-Preis 2015 ausgezeichnet. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gestern in Darmstadt mit. Der mit 50 000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Goetz habe sich «mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht», begründet die Akademie den Entscheid.

Schrille Performance

Eine schrille Performance hat Rainald Goetz einst schlagartig bekanntgemacht: 1983 ritzt er sich beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit einer Rasierklinge die Stirn auf, um sein literarisches Manifest «Subito» effektvoller zu gestalten.

Die Provokation des Mediziners und Historikers, der damals noch keine 30 ist, hat das Bild des Autors bis heute geprägt. Noch immer gilt Goetz, inzwischen 61 Jahre alt, als das Enfant terrible der deutschen Literatur.

Verachtung für Kulturbetrieb

Goetz hat in seinen literarischen Werken kein Hehl aus seiner Verachtung für den hektischen Medien- und Kulturbetrieb gemacht. Dieser wiederum hat den öffentlichkeitsscheuen Moralisten trotzdem gefeiert – oder auch verrissen. Ein Buch oder Theaterstück von Goetz, auch wenn nur gerüchteweise darüber geraunt wird, ist ein grosses Ereignis.

Seinen furiosen Débutroman hat Goetz kurz nach dem Klagenfurter Spektakel vorgelegt. «Irre» handelt vom ernüchternden Leben eines Assistenzarztes in der deutschen Psychiatrie. Goetz arbeitete selbst nach dem Studium in einer Münchner Nervenklinik. Goetz gibt aber bald seinen Arztberuf auf und widmet sich mit der ihm eigenen Intensität der westdeutschen Wirklichkeit. Beim Beschreiben der Mechanismen unserer Gesellschaft gibt er sich kreativ. Er tut es in Romanen, Erzählungen, in Text-Bild-Collagen oder Dramen.

Einer der ersten Blogger

1988 erscheint die RAF-Geschichte «Kontrolliert», in den 1990er-Jahren taucht Goetz in die Clubszene ab. «Rave», ein rauschhafter Drogen-Sex-Trip, gilt als erster Techno-Roman. 1998 ist Goetz als einer der ersten Blogger mit einem Internet-Tagebuch («Abfall für alle») seiner Zeit wieder voraus.

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