Pop
Christina Aguilera: Mit dem neuen Album will die Sängerin raus aus dem goldenen Käfig

Um Christina Aguilera war es sechs Jahre lang still. Mit «Liberation» will die US-Sängerin nun aus ihrer eigenen Lethargie erwachen

Steffen Rüth
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Erfolgreiche Popsängerin: Christina Aguilera hat bislang über fünfzig Millionen Platten verkauft.

Erfolgreiche Popsängerin: Christina Aguilera hat bislang über fünfzig Millionen Platten verkauft.

Sony Music

Christina Aguilera hat doch eigentlich alles. Sie lebt in einer palastähnlichen Villa in Beverly Hills, beschäftigt eine ganze Armada von Angestellten, die ihr Eistee zubereiten, sie im Auto herumkutschieren und dafür sorgen, dass es im Haus immer schön kühl und düster ist, denn Nachtmensch Aguilera mag die Sonne nicht.

Die Sängerin verkaufte im Laufe ihrer beinahe zwanzig Jahre andauernden Karriere mehr als fünfzig Millionen Alben. Sohn Max (10) und Tochter Summer (3) stehen ebenfalls auf der Habenseite ihres Lebens.

Eine gefragte Frau: Christina Aguilera

Eine gefragte Frau: Christina Aguilera

Keystone

Wovon um Himmels willen muss sich die kleine Sängerin mit der riesengrossen Stimme also eigentlich befreien? Weshalb nennt Aguilera ihr achtes Studioalbum «Liberation»? «Ich war am Steuer eingeschlafen, bewegte mich im Autopiloten und bemerkte immer klarer, dass ich festgefahren war», so Christina gegenüber der US-Zeitschrift «Entertainment Weekly».

Augenscheinlich mag sie Autometaphern, obwohl sie keinen Führerschein hat. «Ich musste raus aus diesen Umständen, die mich fesselten, und zurückfinden zu mir selbst. Ich wollte endlich wieder mein volles Potenzial ausschöpfen und den Zweck erfüllen, wegen dem ich auf der Welt bin. Ich wollte wieder singen und Musik machen.»

«Gefühlt wie im Hamsterrad»

Christina Aguilera war zwar gefangen, aber in einem goldenen Käfig. Mit einjähriger Unterbrechung sass sie von 2011 bis 2016 an in der Jury der TV-Castingshow «The Voice», am Anfang habe das auch Spass gemacht, aber fehlendes kreatives Mitspracherecht an der Sendung nagte zunehmend an ihrer Laune. «Am Ende habe ich mich gefühlt wie im Hamsterrad. Die ganze Energie wurde aus mir ausgesaugt.» Den Albumverkäufen diente die Fernsehpräsenz ebenfalls nicht, ihr letztes Werk, «Lotus», das 2012 erschien, ist das am schlechtesten verkaufte ihrer Karriere.

Vergangene Woche trat Aguilera bei NBC's Today Show in New York auf.

Vergangene Woche trat Aguilera bei NBC's Today Show in New York auf.

Keystone

Nun sagt Christina Aguilera, kommerzieller Erfolg kümmere sie nicht mehr, was man glauben mag oder auch nicht, jedenfalls gibt es auf «Liberation» Indizien, die für, und Indizien, die gegen diese Aussage sprechen. Mit dem lustigen, geradezu ungehobelten Pop-Hip-Hop von «Sick Of Sittin›» wird sie es wohl kaum ins Radio schaffen, erfrischend ist das Lied übers Kettensprengen aber allemal.

Auf der anderen Seite hört man «Liberation» Aguileras mitunter arg angestrengte Bemühung an, sowohl musikalisch wie inhaltlich ganz nah dran zu sein am Geschehen. «Ich liebe R&B und Hip-Hop», fasst sie die Grundzutaten der neuen Songs zusammen, «und ich werde immer ein Soul-Mädchen bleiben, das die ganz grossen Gesten liebt.»

Bei Miley Cyrus geklaut

Das heisst: Es gibt sehr urbane Nummern wie die Vorab-Single «Accelerate», eine Kooperation mit R&B-Sänger Ty Dolla $ign und Rapper 2 Chainz, die zugegebenermassen ziemlich dissonant klingt und von Kanye West («Ein visionärer Geist, allerdings manchmal schräg drauf») vor dessen Zusammenbruch und Trump-Anbiederei produziert wurde.

Im Video klaut Christina ganz schön schamlos bei Miley Cyrus, sie zeigt Zunge und simuliert mithilfe von Milch und Honig nicht immer ganz logisch das Austreten und Aufschlecken von Körperflüssigkeiten. Wer einen Hit sucht, könnte bei «Maria» fündig werden, die ebenfalls von Kanye produzierte Breitwand-Beat-Pop-Nummer basiert auf einem Sample der Jackson Five und klingt ganz cool nach Sommer-Sonne-Baggersee.

Starke Frauen passen sich nicht an

Zugleich badet Christina auf «Liberation» in hochdramatischen Balladen wie «Fall In Line», auf der sie von der jüngeren Kollegin Demi Lovato unterstützt wird. Inhalt: Wir sind starke Frauen, wir passen uns nicht an, schon gar nicht den Männern, wir stehen das durch. Im Vorspann zu «Fall In Line» erzählen Tochter Summer und ihre Freundinnen, dass sie mal «Boss», «Präsidentin», in jedem Fall «keine Prinzessin» werden wollen.

In diesem vor #MeToo und Donald Trump entstandenen Song erinnert sie stark an ihre bis heute beste und legendärste Platte, an «Stripped» aus dem Jahr 2002. Schon damals hatte sie sich nach dem ersten Hit, «Genie In A Bottle», mit emotionalen Selbstbehauptungssongs wie «Fighter» und «Beautiful» neu erfunden, und das mit Anfang 20.

«Ich fühlte mich wie im Hamsterrad. Die ganze Energie wurde mir ausgesaugt.» Christina Aguilera

«Ich fühlte mich wie im Hamsterrad. Die ganze Energie wurde mir ausgesaugt.» Christina Aguilera

Keystone

Im Video zu «Beautiful», ihrem vielleicht wichtigsten Song, zeigte Aguilera ein sich küssendes schwules Pärchen, ein magersüchtiges Mädchen und eine transsexuelle Frau. 2002 waren solche Bilder eine Revolution. «In fünfzehn Jahren haben wir gesellschaftlich so wahnsinnig viel erreicht», sagt die Sängerin, «und doch ist das Leben nicht unbedingt leichter als damals. In manchen Dingen sind wir toleranter geworden, in anderen Punkten waren wir nie harscher im Umgang miteinander, speziell in den sozialen Medien. Ich möchte mit meinen Songs auch den sonst Ungehörten eine Stimme geben, ich will Mut machen.»

Weg vom Sexbomben-Image

Passend zum Konzept der authentischeren Künstlerin hat sie ihr Sexbomben-Image massiv heruntergefahren und präsentiert sich neuerdings fast ungeschminkt, auch ehrlich wirkende Balladen wie etwa «Deserve» (es geht darum, dass ihr Verlobter eigentlich viel zu nett ist und sie oft viel zu gemein) und «Unless It’s With You» («I don’t wanna get married unless it’s with you») gestatten dem Hörer einen direkten Blick auf den Superstar.

«Fast fühle ich mich wie ein neuer Mensch», freut sich Christina Aguilera. «Auf ‹Liberation› habe ich meinen Mumm und meine innere Stärke wiedergefunden. Was meine Einstellung zum Leben und zur Zukunft betrifft, war ich vielleicht noch nie so zuversichtlich gestimmt wie jetzt gerade.»