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Christina Aguilera: Die Diva fliegt aus dem goldenen Käfig

Als Teenie war sie die Gegenspielerin von Britney Spears. Jetzt meldet sich die stimmgewaltige Popdiva nach sechs Jahren Pause zurück: Mit dem Album «Liberation» will die 37-Jährige wieder Fuss fassen.
Steffen Rüth
Christina Aguilera erfindet sich neu. (Bild: Nina Prommer/EPA)

Christina Aguilera erfindet sich neu. (Bild: Nina Prommer/EPA)

Christina Aguilera hat doch eigentlich alles. Sie lebt in einer palastähnlichen Villa in Beverly Hills, beschäftigt eine Armada von Angestellten, die ihr Eistee kochen, sie im Auto herumkutschieren und dafür sorgen, dass es im Haus immer schön kühl und düster ist, denn Nachtmensch Aguilera mag die Sonne nicht.

Sie hat keinen Führerschein

Die Sängerin verkaufte im Laufe ihrer beinahe zwanzig Jahre andauernden Karriere mehr als fünfzig Millionen Alben und hat als Jurymitglied bei «The Voice» zuletzt jahrelang prächtig verdient.Sohn Max, 10, und Tochter Summer, 3, stehen ebenfalls auf der Habenseite ihres Lebens. Von was um Himmels willen muss sich die kleine Sängerin mit der riesengrossen Stimme also befreien? Weshalb nennt Aguilera ihr achtes Studioalbum «Liberation»?

«Ich war am Steuer eingeschlafen, bewegte mich im Autopilot und bemerkte immer klarer, dass ich festgefahren war», so Christina gegenüber «Entertainment Weekly». Augenscheinlich mag sie Autometaphern, obwohl sie keinen Führerschein hat. «Ich musste raus aus diesen Umständen, die mich fesselten und zurückfinden zu meiner eigenen Wahrheit, zu mir selbst. Ich wollte endlich wieder mein volles Potential ausschöpfen und den Zweck erfüllen, wegen dem ich auf der Welt bin. Ich wollte wieder singen und Musik machen.»

Das letzte Album floppte

Man könnte jetzt denken, Christina Aguilera habe aufgrund unglücklicher Umstände einige Jahre in einem bolivianischen Frauengefängnis zugebracht, dramatisch genug drückt sie sich aus, die Wahrheit ist: Sie war zwar gefangen, aber in einem sehr, sehr goldenen Käfig. 2011 bis 2016 sass sie in der Jury von «The Voice», aber fehlendes kreatives Mitspracherecht an der Sendung nagte an ihrer Laune.

Ihr letztes Album «Lotus» floppte. Nun sagt Christina Aguilera, kommerzieller Erfolg kümmere sie nicht mehr. Mit dem lustigen, geradezu ungehobelten Pop-HipHop von «Sick Of Sittin», wird sie es wohl kaum ins Radio schaffen, erfrischend ist das Lied übers Kettensprengen aber allemal.

Auf der anderen Seite hört man «Liberation» Aguileras Bemühung an, musikalisch wie inhaltlich nah dran zu sein am Geschehen. «Ich liebe R&B und Hip­Hop», fasst sie die Grundzutaten der neuen Songs korrekt zusammen:

«Und ich werde immer ein Soul-Mädchen bleiben, das die grossen Gesten liebt».

Das heisst: Es gibt urbane Nummern wie die Vorab-Single «Accelerate», eine Kooperation mit R&B-Sänger Ty Dolla $ign und Rapper 2 Chainz, die ziemlich dissonant klingt und von Kanye West vor dessen Zusammenbruch und Trump-Anbiederei produziert wurde. Im Video klaut Christina ganz schön schamlos bei Miley Cyrus, sie zeigt Zunge und simuliert mithilfe von Milch und Honig nicht immer ganz logisch das Austreten und Aufschlecken von Körperflüssigkeiten.

Das hitverdächtige «Maria» klingt nach Sommer, Sonne, Baggersee. Zugleich badet sie in hochdramatischen Balladen wie «Fall In Line», auf der sie von Demi Lovato unterstützt wird. Inhalt: Wir sind starke Frauen, wir passen uns nicht an, schon gar nicht den Männern. Im Vorspann zum Song erzählen Tochter Summer und ihre Freundinnen, dass sie mal Boss, Präsidentin, in jedem Fall «keine Prinzessin» werden wollen. In diesem – vor #MeToo und Donald Trump entstandenen – Song erinnert sie an ihre bis heute beste Platte «Stripped» (2002).

Diva zeigt sich ungeschminkt

Schon damals hatte sich die als «Mickey Mouse Club»-Mitglied früh in die Karriere gestartete Tochter eines Soldaten nach dem ersten Hit «Genie In A Bottle» mit emotionalen Selbstbehauptungssongs wie «Fighter» und «Beautiful» neu erfunden, und das mit Anfang 20.Im Video zu ihrem Song («You are beautiful/No matter what they say/Words can’t bring you down») zeigte Aguilera ein sich küssendes schwules Pärchen, ein magersüchtiges Mädchen und eine transsexuelle Frau. 2002 waren solche Bilder eine Revolution.

Passend zum Konzept der authentischeren Künstlerin hat sie ihr Sexbomben-Image heruntergefahren und präsentiert sich fast ungeschminkt. Auch ehrlich wirkende Balladen wie «Deserve» (es geht darum, dass ihr Verlobter eigentlich viel zu nett ist und sie oft viel zu gemein) gestatten einen direkten Blick auf den Superstar. Sie habe ihre innere Stärke wiedergefunden, sagt Christina Aguilera. «Ich war noch selten so zuversichtlich gestimmt wie jetzt gerade.»

Das neue Album «Liberation» ist ab 15.6. erhältlich.

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