«Chinesen sind die besseren Kapitalisten»

Peter Achten hat sich mit einem Buch von seiner Zeit als Korrespondent in Peking verabschiedet. Wir sprechen mit ihm über das Reich der Mitte, chinesische Touristen und die Hoffnung auf Demokratie.

Susanne Holz
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«In China ist die Gruppe wichtiger als das Individuum», sagt Peter Achten. (Bild: Nadia Schärli/LZ)

«In China ist die Gruppe wichtiger als das Individuum», sagt Peter Achten. (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Er ist ein überlegter Gesprächspartner – mit 77 Jahren aber immer noch ruhelos. Kein Wunder, hat Peter Achten, der heute in Estavayer-le-Lac lebt, doch die meiste Zeit seines Lebens auf fremden Kontinenten verbracht. Nun hat er in Buchform Abschied genommen von China.

Herr Achten, im Schlusswort Ihres Buchs «Abschied von China» schreiben Sie, dass man sich an den letzten Lebensabschnitt zuerst gewöhnen muss. Gelungen?

Es fällt mir schwer. Ich war das ganze Leben unterwegs – der Abschied von China ist deshalb ein besonderer Schritt. Der in meinem Lebensabschnitt aber natürlich eine gute Sache ist.

Was hilft Ihnen bei der Eingewöhnung in ein ruhigeres Leben?

Dass ich immer noch gut beschäftigt bin. Bis zum Alter von 70 habe ich voll gearbeitet – jetzt sind es noch 20 Prozent. Ich schreibe eine wöchentliche Kolumne und bin auch noch im Schweizer und im australischen Radio zu hören. Zudem plane ich ein philosophisches Buch und würde mich auch gerne noch an einen Krimi wagen.

Wo hat man die Heimat bei Biographien wie diesen?

Ich fühle mich wohl in der Schweiz, kann aber überall leben. Wir sind hier sehr verwöhnt – wir leben in Frieden, ohne Angst, das ist Luxus. Ich bin jetzt 77, und seit ich auf der Welt bin, musste man in der Schweiz nie Angst haben.

Haben Chinesen ein anderes Verhältnis zu den Alten?

Ich würde sagen: noch. Aber das ändert sich, vor allem in den Grossstädten. Auf dem Land mit seinen Grossfamilien haben die Alten einen hohen Stellenwert. Das rührt von Konfuzianismus und Kommunismus her. Alte sind hoch geachtet: Ihre Kinder müssen sie unterstützen.

Von Alt zu Jung: Wie geht es der Jugend in China?

Sie nimmt viel auf sich. Studium und Arbeit laufen oft parallel – unsere Jungen sind im Vergleich dazu verwöhnt. Junge Chinesen lernen Sprachen, während sie einem Vollzeitjob nachgehen – sie absolvieren 50- bis 55-Stunden-Wochen. Sie verfolgen ihre Träume, sind fleissig.

Zurück zu den Touristen. Wie sieht der China-Kenner diese?

Reisen ist für die Chinesen ein gewaltiger Fortschritt. Man bedenke: Vor 25 Jahren betonten alle das Menschenrecht, zu reisen. Ich finde es gut, dass Chinas Menschen viel von der Welt sehen. Das Weltbild der Jungen wird ein anderes. Man kann ihnen kein X für ein U mehr vormachen. Eine grosse Herausforderung für die Kommunistische Partei.

Wer leistet sich eine Europareise?

Die junge städtische Generation kann sich eine leisten – und es gibt inzwischen viele reiche Leute in China. Eine Europareise für zehn Tage, all inclusive, kostet für Chinesen umgerechnet um die 2000 Franken. Ein Grossstädter verdient im Schnitt 7000 Yuan – das wiederum ist ein bisschen mehr als 1000 Franken. Aber es arbeiten meist Mann und Frau.

Sie waren Korrespondent in Peking, in Hongkong, in Vietnam. Wo am liebsten?

Am wohlsten war mir in Vietnam – ein Bauchgefühl. Im stark französisch geprägten Hanoi habe ich mitten in der Stadt gewohnt. Die Menschen sagten mir sehr zu. Das kann man aber nicht verallgemeinern: Meiner Frau hat es in Peking besser gefallen. Hongkong war teuer, und ich war ein völliger Freelancer dort.

Auf vier Jahre Peking folgte von 1990 bis 1994 Washington. Eine gute Abwechslung?

Nach dem Tiananmen-Massaker im Juni 1989 hatte ich ein wenig genug: die Repressionen, das Klima. Dann das Angebot des Schweizer Fernsehens: Etwas anderes lockte. Die vier Jahre taten gut. Interessant war, dass es mich danach wieder nach Asien zog. Nicht zuletzt wollte ich den Tod Deng Xiaopings mitbekommen.

Während Sie als China-Korrespondent die Worte abwogen, war den Machthabern ein Menschenleben egal.

Dieses Menschenbild ist heute leider noch so. In China ist die Gruppe wichtiger als das Individuum. Die Gefahr einer Eskalation ist heute nicht so gross wie 1989 – aber sobald die Wirtschaft etwas einbricht, gibt es soziale Spannungen. Wobei meine unpopuläre Analyse zu 1989 lautet: Wäre der Volksaufstand damals nicht gestoppt worden, wäre China heute nicht so weit.

Denkt man zum Beispiel an die Türkei, meint man, einen globalen Rückschritt zu beobachten.

Ich denke, wir befinden uns nicht im Rückschritt, sondern immer noch im Fortschritt. Noch vor 500 Jahren gehörte Gewalt überall zum Alltag. Das Leben heute ist aber komplexer geworden, und es erfordert komplexere Lösungen.

Wird China einmal reif sein für Demokratie?

In zehn, zwanzig Jahren wird es sicher mehr Transparenz in China geben. Die chinesische Regierung kann nicht mehr einfach machen, was sie will. Eine Demokratie im westlichen Sinne wird China aber nicht werden.

Sie zitieren im Buch Napoleon, der 1817 sagte: «Erhebt sich der chinesische Drache, erzittert die Welt.» Zu Recht?

Zur Zeit Napoleons war China führende Wirtschaftsmacht. Aber in sich abgeschlossen. Deshalb der Spruch vom schlafenden Drachen. Nun kommen wieder Ängste auf: Wird China den USA den Rang ablaufen? Doch heute ist alles offener. Dieses Jahrhundert wird verschiedene Grossmächte haben: China, die USA, Indien, Europa. Nicht zu vergessen die Mittelmächte: Indonesien, Brasilien, die Türkei. Ich sehe das positiv, als Bereicherung für die Weltwirtschaft. Die Chinesen sind mittlerweile die besseren Kapitalisten als wir.

Peter Achten: «Abschied von China», Stämpfli-Verlag, Bern 2016, Fr. 48.–.