Chilenische Stehauffrau

Gloria ist geschieden und Ende 50, aber ungebrochen ist ihr Lebenshunger. Sebastián Lelio zeichnet in «Gloria» mit einer grossartigen Paulina García ein mitreissendes Frauenporträt.

Walter Gasperi
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Auf der Suche nach ein wenig Glück: Gloria, grossartig gespielt von Paulina García. (Bild: pd/Filmcooperative)

Auf der Suche nach ein wenig Glück: Gloria, grossartig gespielt von Paulina García. (Bild: pd/Filmcooperative)

Der Titel von Sebastián Lelios Film ist Programm, denn in jeder Szene, ja in jeder Einstellung – zumindest von hinten angeschnitten – ist die seit zehn Jahren geschiedene Gloria präsent. Schon in der ersten Einstellung zoomt die Kamera auf einer Tanzveranstaltung langsam auf die Endfünfzigerin zu, holt sie als Einzelbeispiel für ihre Generation aus der Menge heraus und wird die nächsten 100 Film-minuten nicht mehr von ihrer Seite weichen.

Lebenshunger trotz allem

Die Büroangestellte lebt zwar allein in ihrer Stadtwohnung, den erwachsenen Sohn und die Tochter besucht sie nur selten, doch Trübsal blasen will sie deshalb noch lange nicht. Beim Autofahren singt Gloria alte Schlager mit, die sie wohl an ihre Jugend erinnern, auf Körperpflege legt sie Wert, schminkt sich und ist ständig aktiv. Mal geht sie ins Fitnessstudio, mal zu einem Lach-Yogakurs, vor allem aber sucht sie ihr Glück in Discotheken bei Single-Parties.

One-Night-Stands verschmäht Gloria zwar nicht, aber als sie den etwas älteren, seit kurzem geschiedenen Rodolfo kennenlernt, hofft sie doch darauf, dass dies der Beginn einer längeren Beziehung sein könnte. Mehrfach lässt sie allerdings der Ex-Offizier und Besitzer eines Funparks dann sitzen; er verschwindet jeweils bei jedem Anruf seiner Ex-Frau oder seiner erwachsenen Töchter, ohne ein Wort zu sagen, so von einer Geburtstagsfeier oder aus einem Hotel.

Famose Hauptdarstellerin

Getragen wird das tragikomische Porträt einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, von der grossartigen Paulina García. Sie wurde für ihre Leistung an der Berlinale verdientermassen mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Wie die Senioren in John Maddens Komödie «Best Exotic Marigold Hotel» lässt sich diese Gloria nicht aufs Abstellgleis des Lebens schieben, sondern sucht noch Liebe und Spass. Hautnah folgt ihr Lelio durch den Alltag, zeigt ihre Lebensgier ebenso wie ihre Enttäuschungen, führt sie auch an den Rand der Resignation, lässt sie aber bei einem Joint wieder aufblühen, neuen Mut fassen und sich ins Leben zurückkämpfen. Nicht so schnell vergessen wird man, wie sie in einer umwerfenden Szene lustvoll mit ihrem unzuverlässigen Lover abrechnet. Oder wie punktgenau Lelio schliesslich den Song einsetzt, auf den man beim Namen der Protagonistin den ganzen Film gewartet hat: Wie diese Stehauffrau bei Umberto Tozzis «Gloria» ein kleines Tief überwindet. Statt an der Bar bei einem Drink abzuhängen, mischt sie sich wieder unter die Menge auf der Tanzfläche und beginnt leidenschaftlich zu tanzen. Das verschafft nicht nur ihr, sondern auch dem Zuschauer einen Glücksmoment, der über das Filmende hinaus anhält.

In den Kinos in St. Gallen, Wil und Heiden; weitere Kinos in der Region folgen