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Chiffren der Existenz

Er zählte zu den grundlegenden europäischen Künstlern des 20. Jahrhunderts: Antoni Tàpies ist im Alter von 88 Jahren in seiner Geburtsstadt Barcelona gestorben. Seine Beziehungen zur Ostschweiz waren eng.
Roland Wäspe
Antoni Tàpies (1923–2012) vor grossformatigem Holzschnitt im Atelier Stoob St. Gallen, 1993. (Bild: Franziska Messner-Rast)

Antoni Tàpies (1923–2012) vor grossformatigem Holzschnitt im Atelier Stoob St. Gallen, 1993. (Bild: Franziska Messner-Rast)

Am 13. Dezember 1923 in Barcelona als Sohn eines Rechtsanwalts geboren, wuchs Antoni Tàpies in einer kulturell toleranten Umgebung auf. Er interessierte sich für die Psychoanalyse, hatte Kontakte zu zeitgenössischen Musikern und Literaten und gründete mit dem Dichter Joan Brossa und anderen Künstlern 1948 die Gruppe «Dau al Set» (Würfel mit sieben Augen). Im Spanien unter Franco war sie eine der ersten künstlerisch-literarischen Avantgardebewegungen. Der Kreis der Surrealisten in Paris beeinflusste Tàpies ebenso wie die Kontakte in New York zu den abstrakten Expressionisten.

Ein Fuss, eine Hand, ein Gesicht

Seine seit 1953 entstandenen gegenstandslosen Materialbilder mit reliefartigem Auftrag hingegen sind unverwechselbar. In ihrer Synthese aus lyrischem Informel und Materialcollage gehören sie zu den prägenden Formulierungen der europäischen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Fuss, eine Hand, ein Gesicht, einfache alltägliche Objekte, Zahlenreihen und verschlüsselte Buchstaben: Die Bilder seiner Kunst sind immer einfach zu lesende Zeichen und komplexe Chiffren des menschlichen Seins zugleich.

Tàpies war ein engagierter Kämpfer für Demokratie während der Franco-Diktatur – und war deswegen 1966 zeitweise auch in Haft. Er fand eine Kunst, die aus einfachen Materialien und unkünstlerischen Gesten ein brüchiges, aber glaubwürdig, auf die Existenz bezogenes Menschenbild formte.

1954 heiratete er Teresa Barbara Fàbregas, eine unverzichtbare Mitstreiterin seines Schaffens. Der Ehe entstammen die Kinder Antoni (geboren 1956), Clara (1958) und Miquel (1960).

Die Biennalen – und St. Gallen

Beginnend mit seiner Teilnahme an den Biennalen von Venedig 1953, 1954 und 1958 und der Documenta II in Kassel, 1959, war Tàpies über Jahrzehnte in den bedeutendsten Kunstmuseen und Galerien in Europa und Amerika präsent. Werner Schmalenbach organisierte 1962 für die Kestner-Gesellschaft in Hannover die erste Retrospektive des Künstlers, die im gleichen Jahr auch im Kunsthaus Zürich zu sehen war. In der Schweiz wurde Tàpies von nicht weniger als drei Hauptgalerien vertreten: durch Ernst Beyeler in Basel, Elisabeth Kübler in der Galerie Maeght in Zürich und durch Franz Larese und Jürg Janett in der Erker-Galerie St. Gallen.

Der Name Antoni Tàpies ist auf vielfache Weise mit dem Kunstleben der Stadt St. Gallen eng verbunden. Ab 1963 wurde Antoni Tàpies von Franz Larese und Jürg Janett in einer kontinuierlichen Reihe von Ausstellungen der Erker-Galerie gezeigt. Als Herausgeber der Œuvrekataloge des grafischen Werkes und mehrerer Schriften des Künstlers («Die Praxis der Kunst», 1976; «Kunst kontra Ästhetik», 1983; «Erinnerungen», 1988) zeichnete die Erker-Presse.

Meister der Druckgraphik

In der Lithographiewerkstatt von Vreni und Urban Stoob entstanden zahlreiche Meisterwerke der Druckgraphik, die auch in kostbar ausgestattete bibliophile Bücher und Mappenwerke («Album St. Gallen», 1965; «La Nuit grandissante», 1968; «Suite», 1980; «Variations», 1984; etc.) des katalanischen Meisters eingebunden wurden.

Das gesamte grafische Werk von Antoni Tàpies wurde 1967 im Kunstmuseum St. Gallen in einer von Rudolf Hanhart betreuten Präsentation gezeigt. 1992 folgte dann ein Zyklus der grossformatigen später Bilder unter dem Titel «Celebraciò de la mel» (Feier des Honigs). Das Schwergewicht lag dabei auf Arbeiten der Achtziger- jahre, in denen der Künstler in überraschender Leichtigkeit und Frische mit honigfarbenen Lacken arbeitete.

Die vom Kunstverein organisierte Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit der Fundaciò Tàpies in Barcelona, die Tàpies 1984 gegründet hatte. Sie wird auch zukünftig Quelle und Zentrum der Erforschung seines vielgestaltigen Werkes sein.

Kontroversen um Hauptwerke

Stürmische Auseinandersetzungen über die abstrakte Kunst begleiteten die Realisierung von Tàpies' Arbeiten im öffentlichen Raum in St. Gallen. Eines seiner Hauptwerke befindet sich im ehemaligen Bibliotheksgebäude der HSG, es gilt als eine der kühnsten Begegnung von Architektur und freier Kunst am 1963 eröffneten Förderer-Bau. Das fensterlose Obergeschoss mit nur spärlichem Oberlicht gibt Raum für ein Wandgemälde des Künstlers, das über 32 Meter die gesamte West- und Südwand einnimmt. Tàpies spricht darin eine ursprüngliche Sprache, die ebenso Zeichen wie Spur des Handelns ist und die sich mit dem Raum zu einer Atmosphäre gespannter Versenkung verbindet.

Heftige Kontroversen rief sein Wandbild «Gran Esquinçal» im Foyer des Theaters St. Gallen hervor – siehe dazu den Beitrag rechts. Heute gelten beide Werke im öffentlichen Raum der Stadt St. Gallen als ebenso grandiose Zeichen seiner künstlerischen Meisterschaft wie als Verpflichtung für die Zukunft.

Roland Wäspe ist Direktor des Kunstmuseums St. Gallen.

Einst anstössig: «Gran Esquinçal» im Theater St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Einst anstössig: «Gran Esquinçal» im Theater St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

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