Chicagos grosse Pop-Impressionisten

The Sea And Cake, morgen im Palace, zählen seit 20 Jahren zu den Postrock-Vorreitern aus Chicago. Ihr leichtfüssiger, elektronisch untermalter Gitarrenpop pendelt kunstsinnig zwischen Krautrock, Easy-Listening und gar Latin-Jazz.

Marcel Elsener
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Sanftmütige Kunstrocker: Prewitt, Prekop, Claridge, McEntire (v. l.). (Bild: Thrill Jockey)

Sanftmütige Kunstrocker: Prewitt, Prekop, Claridge, McEntire (v. l.). (Bild: Thrill Jockey)

«Bring My Car I Like To Smash It» singt Sam Prekop auf dem ersten Album von The Sea And Cake. Wer mutwillig sein eigenes Auto zertrümmern will, ist gewiss für ein Spässchen zu haben. Das dachte sich 1997 ein Verehrer aus Basel, als die Band am Uferlos-Festival in Rorschach gastierte. Er überreichte Prekop einen cremigen Kuchen mit der Bitte, diesen dem Bandnamen zu Ehren in den Bodensee zu werfen. Die Musiker aus Chicago aber fanden das gar nicht lustig und lehnten unwirsch ab.

Dabei machten sie sich noch nicht mal die Mühe, den Fan über das Missverständnis aufzuklären: Ihr Sea meint nicht die See, sondern das C – eben wie im namensgebenden Song «The C in Cake» der befreundeten Chicago-Band Gastr del Sol. Was uns diese Episode sagen will? Prekop und seine Kollegen Archer Prewitt (ebenfalls Gitarre), Eric Claridge (Bass) und John McEntire (Schlagzeug) haben zwar viele künstlerische Flausen im Kopf, doch Kindsköpfe sind sie nicht, und Anbiederung ist keineswegs ihre Sache.

Stoisch bis zur Ekstase

Diese Haltung äussert sich auf der Bühne mit einer Pokerface-Konzentration, die noch in den mitreissendsten Momenten bewahrt wird und das Publikum zuweilen rätseln lässt, ob die Band mürrisch sei. Und sie erscheint als Widerspruch zu der so eleganten, leichtfüssig beschwingten Musik und dem samtpfotigen Gesang Prekops, der sich an die Gitarren- oder Bass-Linien anschmiegt.

Kokettieren, mit Pop, Krautrock, Elektro-Ambient, Jazz oder brasilianischen Rhythmen, bedeutet in diesem Fall eben in keinster Weise Faxen machen und Posieren wie es – leider auch im Indie-Rock – so oft geschieht. Sondern ist die ähnliche Herangehensweise, mit der Prekop seine Ölbilder, Prewitt seine Comics und Claridge seine Illustrationen malen – sorgfältigste Kompositionen von strenger Form, die gerade dadurch federleicht wirken. Die Band benutzt selber gerne Metaphern aus der bildenden Kunst, wenn sie über ihre Musik spricht, wie Klangfarben, Pinsel, Schichten. Eine Kritikerin hat das neue, zehnte Album «Runner» für seine «impressionistische Luzidität» gelobt – The Sea And Cake wären also Pop-Impressionisten, was keine falsche Spur ist, auch wenn sie viele Schubladen sprengen.

Tortoise-Bassist als Ersatz

Weil Bassist Claridge eine entzündete Handwurzel plagt, ist im Winter ein alter Bekannter eingesprungen: Douglas McCombs von Tortoise und Eleventh Dream Day. Damit ist auch in St. Gallen die Tortoise-Rhythmus-Gruppe am Werk – nebst McCombs der ungemein präzise Drummer John McEntire, längst auch gefragter Produzent (Yo La Tengo). Zu erwarten ein umwerfendes Set, das mit «Parasol», «Jacking The Ball» oder «The Argument» auch «Klassiker» der Frühphase in den Fluss nimmt und auf die Hörerschaft eine fesselnde und befreiende Wirkung hat. Tanzen nicht verboten.

Morgen Mi, Palace, 21.30 Uhr, mit DJ-Team Via Chicago