Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Chefdirigent Luzerner Sinfonieorchester: «Ich will auf dem Höhepunkt gehen»

Das Luzerner Sinfonieorchester eröffnet die Saison mit dem Anspruch auf Weltklasse: Der 2021 abtretende Chefdirigent James Gaffigan sagt, wieso die Voraussetzungen dafür in Luzern ideal sind.
Urs Mattenberger
James Gaffigan, Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL. (Bild: PD)

James Gaffigan, Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL. (Bild: PD)

Vor einem Jahr gab das Luzerner Sinfonieorchester das Ziel bekannt, «in die Champions League der internationalen Top-Orchester aufzuschliessen». So formuliert hatte es Michael Pieper, der CEO der Artemis Group, der dem Orchester dafür den Michael und Emmy Lou Pieper Fonds übergab – mit 15 Millionen Franken die bisher grösste Spende, die je einem Schweizer Orchester geschenkt wurden. Das Vertrauen, dass dies möglich sein könnte, gab dem Unternehmer und Mäzen die enorme Entwicklung des Orchesters seit der Eröffnung des KKL vor 20 Jahren, für die die Steigerung der Besucherzahl von 15 000 auf 65 000 steht. Eine Schlüsselrolle bei der Orchesterentwicklung spielte Chefdirigent James Gaffigan, der vor Kurzem im Einvernehmen mit dem Orchester bekannt gab, seinen Vertrag in Luzern nicht über 2020/21 hinaus zu verlängern. Wir fragten den Amerikaner, welche Voraussetzungen nötig sind, damit es ein regionales Orchester international an die Spitze schafft.

Das Luzerner Sinfonieorchester will mit Unterstützung durch den Pieper-Fonds eine neue Phase des Aufschwungs einleiten. Ist das nicht der falsche Moment, als Chefdirigent zu gehen?

James Gaffigan: Nein, weil der bisherige Erfolg nicht nur mit meiner Person zusammenhängt. Entscheidend dafür war neben dem Orchester das Umfeld um Intendant Numa Bischof und den Präsidenten des Trägervereins, Pierre Peyer. Das schafft eine Kontinuität, um den Aufschwung auch mit einem neuen Chefdirigenten weiterzuführen.

Verschiedentlich haben es Regionalorchester unter langjährigen Chefdirigenten an die Weltspitze geschafft. Was gab für Sie den Ausschlag, dass Sie vor diesem deklarierten Ziel Luzern verlassen? Ein attraktives Stellenangebot?

Nein, meine persönliche Zukunft ist noch offen. Aber bis 2021 werde ich das Orchester elf Jahre geleitet haben. Das ist im heutigen Konzertbetrieb eine lange Zeit und ermöglichte eine kontinuierliche Aufbauarbeit. Aber eine solche Zeitspanne birgt auch die Gefahr, dass die gegenseitige Inspiration nachlässt, weil sich der Dirigent und die Musiker immer weniger überraschen können. Ich wollte auch nicht so lange bleiben, bis sich die Besucher fragen, wann ein neuer Chefdirigent neue Impulse bringt. Ich wollte «on the top» gehen, auf dem Höhepunkt. Dafür scheint mir jetzt, nach allem, was wir erreicht haben, ein guter Moment.

Wo steht denn das Luzerner Sinfonieorchester heute auf dem Weg zur Weltklasse?

Als ich mit 30 Jahren die Stelle annahm, warnten mich meine Freunde, weil man in Luzern in Konkurrenz steht zu den weltbesten Orchestern am Lucerne Festival. Aber ich habe das als Chance gesehen. Wir, Numa Bischof und ich, hatten von Anfang an grosse Träume, aber wir wollten diese mit realistischen Schritten umsetzen.

Welche Schritte waren das?

Eine erste Voraussetzung war die privat finanzierte Vergrösserung des Orchesters, eine andere die zunehmende Zusammenarbeit mit Top-Solisten, für die das Orchester auch durch renommierte Tourneen von Japan und China bis in die USA attraktiv wurde. Eine entscheidende Voraussetzung für all das war und ist die Bereitschaft der Musiker, für diesen Erfolg hart zu arbeiten. Ich staunte selber, dass der Aufschwung viel rascher voranging, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich denke, es ist eine Tatsache, dass das Luzerner Sinfonieorchester schon heute auch im grosssinfonischen Repertoire den Vergleich mit den Spitzenorchestern am Festival nicht zu scheuen braucht.

Die Schweiz hat nur regionale Orchester, die grössten davon in Zürich, Basel und Genf. Wieso soll ausgerechnet ein mittelgrosses Orchester wie jenes in Luzern den Sprung zur Weltklasse schaffen?

Hier sind die Voraussetzungen in vielerlei Hinsicht ideal. Selbst die mittlere Grösse ist ein Vorteil. Klar, das Bild der Weltklasse-Orchester prägen immer noch grosse Sinfonieorchester wie jene aus Berlin, Cleveland oder Amsterdam. Aber ich bin nicht sicher, ob das das Orchestermodell mit Zukunft ist. Diese Orchester haben grosse Grundkosten und sind relativ schwerfällige Apparate mit vielen Konzertterminen und zahlreichen Mitarbeitern. Die grosse Besetzung schränkt auch den Repertoire-Horizont ein. Wenn ich als Gast solchen Orchester Mozart oder Haydn vorschlage, reagieren die meisten erstaunt oder reserviert. Dabei sind solch kleiner besetzte Werke, die zum Repertoire unseres Orchesters gehören, entscheidend für die Klangkultur und damit Grundlage auch für die Aufführung grosssinfonischer Werke, die wir uns in den letzten Jahren erschlossen haben.

Für diese ist das Luzerner Sinfonieorchester mit 60 Stellen umgekehrt zu klein. Braucht der Schritt zur Weltklasse eine weitere Orchestervergrösserung?

Nein, eine Vergrösserung auf einen Schlag braucht es nicht. Wir haben uns einen Stamm von vorzüglichen Musikern aufgebaut, die regelmässig als Zuzüger mitwirken und wissen, wie ambitioniert beim Luzerner Sinfonieorchester an Details gearbeitet wird. Damit können wir gross besetzte Werke aufführen, ohne dass die Homogenität des Klangs verloren geht. Aber dass wir einzelne Stellen ausbauen, ist nicht ausgeschlossen.

Ideale Voraussetzungen: Gilt das auch, wenn die Pläne für ein neues Theater Luzern nicht zu einem zeitgemässen Opernhaus verhelfen, in dem das Luzerner Sinfonieorchester einen Drittel seiner Dienste absolviert?

Natürlich wäre ein Opernhaus wünschenswert, in dem auch grösser besetzte Werke Platz haben. Aber für den Konzertbereich sind andere Faktoren entscheidend, zuallererst das KKL mit seinem hervorragenden Konzertsaal. Ein weiterer grosser Schritt ist die Eröffnung des Probenhauses beim Südpol im nächsten Jahr. Seine Bedeutung als Heim- und Begegnungsstätte geht weit über bessere akustische Probenbedingungen hinaus. Hinzu kommt , dass Numa Bischof kein Intendant ist, der sich über Statussymbole definiert, sondern in allem, was er tut, von der Leidenschaft für die Musik angetrieben ist und mit dieser Leidenschaft auch finanzielle Partner für das Orchester gewinnen kann. Inhaltlich diskutieren wir alle Fragen gemeinsam, aber in all den Jahren hat er zu keinem meiner künstlerischen Wünsche Nein gesagt. Auch das schafft ideale Voraussetzungen. Nach der Entwicklung in den letzten Jahren wird das Orchester unter viel erfahreneren Dirigenten einen Chef auswählen können, als ich es damals war.

Wie können die Gelder des Pieper-Fonds für eine weitere «Exzellenz»-
Steigerung verwendet werden?

Das privat finanzierte Probenhaus ist dafür bereits ein gutes Beispiel. Hier kann man viele Dinge machen, die zur Zukunft eines modernen Orchesters gehören. Dazu gehört ein stärkerer Bezug zum Publikum mit Probeneinblicken, Vermittlungsangeboten für junge Menschen oder Streaming-Angebote. Anderseits wird ein Teil dieses Geldes auch in die Tourneen investiert. Beides ist wichtig, um die Welt darüber zu informieren, was dieses Orchester in Luzern leistet. Und gerade Tourneen schweissen die Orchestermitglieder noch einmal auf andere Weise zusammen.

Numa Bischof hat für die verbleibenden zwei Saisons ein Programmfeuerwerk angekündigt, als Abschied «on the top» sozusagen. Was sind Ihre Höhepunkte?

Dazu gehören weiterhin viele Top-Solisten wie Martha Argerich, mit der wir auf Spanien-Tournee gehen, oder Vazim Glutman, der mit uns Beethovens Violinkonzert aufnimmt. Aber dazu gehören auch Werke, die ich mir aufgespart habe, bis das Orchester so weit ist.

Im Eröffnungskonzert spielen Sie Bruckners vierte Sinfonie. Gehört sie als Bekenntnis zur Grosssinfonik da mit dazu?

Ja, das ist Neuland, weil das Orchester in den letzten Jahren ausser der ersten noch keine Sinfonien von Bruckner aufgeführt hat. Möglich macht solche Werke das neu erreichte Niveau, das etwa Rachmaninows dritte Sinfonie exemplarisch vorgeführt hatte. Viele Kollegen und Musiker bestätigten mir, was für einen wunderbaren Klang das Orchester hatte! Damit war für mich klar: Jetzt ist auch die Zeit gekommen für Tschaikowskys sechste Sinfonie. Ein Werk, das mich als Dirigenten sehr geprägt hat und das ich jetzt mit meinem eigenen Orchester machen kann. Einen persönlichen Wunsch erfülle ich mir auch mit Strawinskys «Le sacre du printemps», mit dem wir das Dach vom KKL blasen werden! Neue Wege beschreiten wir ­zudem mit Mahlers fünfter Sinfonie: einem Komponisten, mit dem sich in Luzern wegen Claudio Abbado ein besonderer Anspruch verbindet.

Hinweis: Gipfelwerke auf dem Pilatus: Samstag, 12. und Sonntag, 13. Oktober, Kammermusik von Beethoven. Kammermusik-Matinee, Sonntag, 13. Oktober, 11.00, Foyer Luzerner Theater (mit Marcelo Nisinman, Bandoneon). Sinfoniekonzerte: Mittwoch, 16. und Donnerstag, 17. Oktober, 19.30, Konzertsaal KKL; Violinkonzert von Brahms mit Joshua Bell und vierte Sinfonie von Bruckner.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.