CHEFDIRIGENT: In Bescheidenheit anspruchsvoll

Der Nachfolger für Otto Tausk an der Spitze des Sinfonieorchesters St. Gallen ist gefunden. Lange musste man nicht suchen: Modestas Pitrenas aus Litauen ist ein alter Bekannter.

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Modestas Pitrenas am Ort seines künftigen Wirkens – der Tonhalle St. Gallen (Bild: PD)

Modestas Pitrenas am Ort seines künftigen Wirkens – der Tonhalle St. Gallen (Bild: PD)

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@tagblatt.ch

Mit dem Ende der kommenden Saison 2017/2018 verabschiedet sich Otto Tausk als Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen von der Ostschweiz und zieht weiter ins kanadische Vancouver. Eine Findungskommission hat sich schon vor Weihnachten getroffen und sich Gedanken über die Suche nach einem Nachfolger gemacht. «Ursprünglich dachten wir daran, die Stelle auszuschreiben», erzählt Konzertdirektor Florian Scheiber. «Dann aber haben wir uns gefragt: Wen kennen wir, und wen schätzen wir? Und da sind wir rasch auf Modestas Pitrenas gekommen. Wir haben Verhandlungen aufgenommen und uns gefunden. Und weil wir etwas gemeinsam aufbauen wollen, haben wir mit ihm einen Vertrag auf fünf Jahre – anstelle der üblichen drei Jahre – abgeschlossen.» Sein Amt antreten wird Pitrenas am 1. August 2018, der Verwaltungsrat von Konzert und Theater St. Gallen hat die Berufung am Montag einstimmig genehmigt.

Scheiber hat recht: Man kennt sich gut. Nicht nur deshalb, weil Pitrenas schon bei der letzten Chefdirigenten-Suche im Gespräch gewesen ist. Sondern vor allem, weil er seit acht Jahren immer wieder in St. Gallen dirigiert hat. Dass zu drei Konzertprogrammen fünf Opern gekommen sind, zeigt, dass er im sinfonischen Repertoire wie im Musiktheater gleichermassen zu Hause ist – in St. Gallen mit der Tonhalle und dem Dreispartenhaus des Theaters eine unerlässliche Voraussetzung.

Und während sich ein Sinfoniekonzert mit wenigen Proben erarbeiten lässt, erfordert eine Opernproduktion mehrwöchige Vorbereitungen. Wie ernst Modestas Pitrenas diese Arbeit nimmt, haben wir schon 2012 bei der «Salome» von Richard Strauss erlebt, wo er bei den ersten Proben auch ohne Orchester dirigierend präsent war. In der Premiere dann war viel von der Sinnlichkeit und enormen Klangfülle des Werks zu hören. Ein Eindruck, den spätere Opernproduktionen verstärkt haben. Etwa Alfredo Catalanis «La Wally» oder Georges Bizets «Carmen».

«Pitrenas versteht es hervorragend, das spätromantische Repertoire zum Klingen zu bringen», sagt Florian Scheiber denn auch. «In diese Richtung – und in den slawischen Raum, wird sich unter ihm das Repertoire des Orchesters wohl verschieben.»

«Noch jung, aber nicht unerfahren»

Zu letzterem hat der am 15. September 1974 in der litauischen Hauptstadt Vilnius Geborene schon von seiner Herkunft her eine direkte Beziehung. Angefangen hat er dort als Chordirigent, die Ausbildung zum Orchesterdirigenten ist später hinzugekommen. Von 2008 an war er dann Chefdirigent der Nationaloper Riga. Bis heute ist er Dirigent und künstlerischer Leiter des Litauischen Nationalsinfonieorchesters in Vilnius.

Auch sein Alter hat für die Wahl Modestas Pitrenas’ gesprochen. «Mit 43 ist er noch jung, aber nicht unerfahren», sagt Florian Scheiber. Auch charakterlich passe er gut, «er geniesst beim Orchester grossen Respekt.» Das hat nicht zuletzt mit seinem Auftreten zu tun. Er verlangt viel von den Musikern, aber er tut es freundlich und tritt bescheiden auf. Seine Ziele sind rein musikalischer Natur, und sie sind hoch gesteckt. Ein Perfektionist ist er auch, der sich nicht so leicht zufrieden gibt. Gerade dies aber braucht ein Orchester, will es in seiner Entwicklung weiterkommen. «Modestas Pitrenas ist in der Lage, aus dem Orchester das Beste herauszuholen», sagt Konzertdirektor Florian Scheiber denn auch.

Wie dieses Beste klingt, hat am Beispiel der «Carmen» im Oktober 2014 die NZZ beschrieben. Pitrenas verbinde dramatische Spannung und Poesie wirkungsvoll miteinander, hat deren Kritiker festgestellt, und vom «fesselnden instrumentalen Geschehen» geschwärmt.

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