Charmanter Rebell und Ikone einer ganzen Generation

Mit «Easy Rider» traf Peter Fonda den Nerv einer Generation und erschütterte Hollywood. Jetzt ist er 79-jährig an Lungenkrebs gestorben.

Dario Pollice
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1969 brechen Wyatt und Billy nach einem Drogendeal mit ihren Harleys auf, um die USA zu durchqueren. Doch dann hält der von Peter Fonda gespielte Wyatt plötzlich an. Er zieht seine Armbanduhr ab, schaut sie kurz an und wirft sie weg, um dann wieder weiterzufahren. Aus den Lautsprechern dröhnt nun «Born to be Wild» von Steppenwolf, und im Bild wird in Grossbuchstaben der Filmtitel eingeblendet: «Easy Rider».

1969 wurde Peter Fonda als Motorradfreak «Captain America» in dem Kult-Streifen «Easy Rider» zum Idol der Hippie-Bewegung. (Bild: KEYSTONE/AP/CHRIS PIZZELLO)
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Auf dem «Hollywood Walk of Fame» in Los Angeles bei der Sternenplakette von Peter Fonda nach der Todesnachricht Blumen aufgestellt. (Bild: KEYSTONE/AP/DAMIAN DOVARGANES)
Schauspieler-Familie: Peter Fonda 2013 mit seiner Schwester Jane vor dem Chinese Theater in Hollywood beim Handabdruck ihres Vaters Henry. (Bild: KEYSTONE/AP Invision/JORDAN STRAUSS)
Peter Fonda bei seinem Besuch am Zürich Film Festival im Jahr 2014. (Bild: KEYSTONE/ENNIO LEANZA)

1969 wurde Peter Fonda als Motorradfreak «Captain America» in dem Kult-Streifen «Easy Rider» zum Idol der Hippie-Bewegung. (Bild: KEYSTONE/AP/CHRIS PIZZELLO)

Diese Szene steht einerseits dafür, wie sich die Filmfigur Wyatt symbolisch von den bürgerlichen Zwängen befreit, um ein freiheitliches Leben anzustreben. Andererseits kann man die Szene auch als Abbild des Schauspielers Peter Fonda lesen. Zeitlebens versuchte sich der Hollywood-Star von der Last seines Nachnamens zu befreien, um seinen eigenen Weg als Künstler zu finden.

Schwieriges Verhältnis zu seinem Vater

Fonda kam am 23. Februar 1940 in New York City zur Welt. Sein Vater war der legendäre Hollywood-Schauspieler Henry Fonda (1905–1982), der unter anderem in Klassikern wie «Früchte des Zorns» (1940), «Die 12 Geschworenen» (1957) und «Spiel mir das Lied vom Tod» (1968) mitwirkte. Genau wie seine drei Jahre ältere Schwester Jane (*1937) folgte auch Peter früh den Fussstapfen seines Vaters und sammelte erste Schauspielerfahrungen auf der Theaterbühne in Omaha, Nebraska.

Zu seinem Vater hatte Peter ein schwieriges Verhältnis. In seiner 1998 erschienenen Autobiografie «Don’t Tell Dad» beschreibt ihn Peter als einen emotional distanzierten Mann: «Auf der Bühne konnte er das tun, was er im Leben nicht tun konnte, weil man ihm auf der Bühne Worte gab, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.»

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war aber auch durch den Tod der Mutter Frances Ford Seymour belastet, die sich 1950 in einer psychiatrischen Klinik das Leben nahm. Dem zehnjährigen Peter wurde gesagt, sie sei an einem Herzinfarkt gestorben; erst Jahre später sollte er den wahren Grund für ihren Tod erfahren.

Anfang der 1960er-Jahre zog Fonda nach New York City und trat in verschiedenen Broadwayproduktionen sowie TV-Serien auf. Seinen ersten grossen Erfolg konnte er mit einer Nebenrolle im Kriegsfilm «Die Sieger» (1963) verbuchen, als er für den Golden Globe Award als bester Nachwuchsdarsteller nominiert wurde. In den nachfolgenden Jahren scheint bei Fonda ein Gesinnungswandel stattgefunden zu haben: Die Haare wurden ungezähmter, die Koteletten buschiger, und Peter kehrte dem konventionellen Hollywood den Rücken zu. Innerhalb eines Jahrzehnts sollte er zur Ikone einer ganzen Generation werden, ein Vorbild für all jene, die mit dem konformistischen Lebensbild des «American Dream» nichts anfangen konnten.

«Easy Rider» war das Spiegelbild der USA 1969

Mitte der 1960er-Jahre hatte sich Peter Fonda bereits mit den Filmen «Die wilden Engel» (1966) und «The Trip» (1967) im Geist der Gegenkultur festgesetzt. In Ersterem mimt er den Anführer einer Hells-Angels-Gang und in Letzterem spielt er einen Werbe-Fuzzi, der erste Erfahrungen mit LSD macht. Die Filme sind keine Meisterwerke. Ein Filmkritiker sagte, «Die wilden Engel» sei okay – nach etwa vierundzwanzig Bieren. Trotzdem prägten sie massgeblich die Hollywood-Industrie. Der Regisseur Roger Corman, der «Papst des Pop-Kinos», verstand es wie kein Zweiter, mit günstigen Produktionen kommerzielle Erfolge zu feiern. Ausserdem sprachen die Filme direkt junge Kinozuschauer an – eine Zielgruppe, die Hollywood immer mehr aus den Händen glitt. Um die Tragweite dieser Filme zu verstehen, muss man den Zustand von Hollywood Mitte der 1960er-Jahre betrachten.

Die grossen Filmstudios waren in einer Krise. An der Spitze sassen alte Männer, die zum Teil seit der Stummfilmzeit ihre Posten bekleideten, und weiterhin auf pompöse Musicals oder Monumentalfilme setzten. Sie hatten keinen Bezug mehr zur gesellschaftlichen Realität, die von Hippies, Black Panthers, Studentenunruhen, Vietnam und Jimi Hendrix geprägt war. In dieses künstlerische Vakuum sprangen junge Filmschaffende mit ihren billigen Produktionen. Die Filme des «New Hollywood» griffen oft kritische Themen auf und setzten sich durch ihre Missachtung erzählerischer Konventionen ab. Und «Easy Rider» war die Destillation dieses neuen Zeitgeistes, ein Spiegelbild der USA im Jahr 1969.

Türöffner für Scorsese, Spielberg und George Lucas

Die drei Stars des Filmes, Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson, kannten sich bereits aus «The Trip». Fonda hatte den Einfall, einen modernen Western mit zwei Motorradfahrern zu drehen. Zusammen mit Dennis Hopper, der Regie führen sollte, schrieb er das Drehbuch und holte Jack Nicholson mit an Bord. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte. Der unerwartete Erfolg des Filmes erschütterte Hollywood bis auf seine Grundfesten. Mit einem minimalen Budget von 400 000 Dollar gedreht, spielte «Easy Rider» weltweit über 60 Millionen Dollar ein. Jack Nicholson wurde für den Oscar als Bester Nebendarsteller nominiert, und am Filmfestival von Cannes wurde der Film als Bestes Erstlingswerk ausgezeichnet. Die alten Studiobosse waren baff, sprangen aber schnell auf den Hippiezug auf. Plötzlich öffneten sie die Türen für aufstrebende Filmemacher mit abgefahrenen Ideen wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Steven Spielberg und George Lucas, deren Karrieren ohne «Easy Rider» undenkbar wären.

Es ist eine bittere Ironie, dass sich die Freunde Peter Fonda und Dennis Hopper ausgerechnet wegen der Einnahmen eines Filmes zerstritten, der einen alternativen Lebensstil propagierte. Während Hopper und Nicholson den Erfolg von «Easy Rider» auf ihre Karrieren ausweiten konnten, konnte Peter Fonda nie wirklich an ihn anknüpfen. Allerdings verschwand er nicht ganz von der Bildfläche. Er spielte weiterhin Haupt- und Nebenrollen und betätigte sich als Regisseur.

1997 sollte er noch einmal einen Höhepunkt erleben, als er für seine Darstellung im Drama «Ulee’s Gold» mit einer Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller gewürdigt wurde. Die Filmkritikerin der New York Times, Janet Maslin, bezeichnete Fondas «leise frappierende» Darstellung gar als «die feinste Arbeit seiner Karriere». Auch wenn Peter Fonda in seiner über fünf Jahrzehnte währenden Karriere in mehr als siebzig Filmen mitspielte, bleibt er uns am besten für seine Rolle als charmanter Rebell Wyatt in Erinnerung. Fonda selbst hat dieser Umstand nie gestört: «Nicht alle meine Filme waren gut, aber ich bereue nichts. Ich arbeitete, um meine Kreativität zu füttern, statt des Geldes wegen.»