Charmanter Provokateur

Er spaltete Frankreich wie kein Zweiter. Mittlerweile sind die Chansons von Michel Sardou Kulturgut. Nun eröffnete er das Festival im Amphitheater von Avenches.

Daniel Walt
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Erfolgssänger aus Frankreich: Michel Sardou bei seinem Auftritt in Avenches. (Bild: Rock oz'Arènes/Joseph Carlucci)

Erfolgssänger aus Frankreich: Michel Sardou bei seinem Auftritt in Avenches. (Bild: Rock oz'Arènes/Joseph Carlucci)

Schon viele haben Michel Sardous Stimme gelobt. Als «Geschenk des Himmels» wurde sie bezeichnet, oder als «eine der schönsten Frankreichs». Selbst zu Zeiten, als er polarisierte wie niemand sonst, waren sich Freund und Feind über seine Stimme einig. «Il chante juste, mais il pense faux» – «er singt richtig, denkt aber falsch», hiess es etwa, als Sardou 1976 in «Je suis pour» den Tod für Kindermörder forderte. Demonstranten störten seine Konzerte, eine Tournée wurde abgebrochen. Als Sardou später in «Vladimir Ilitch» – so hiess Lenin mit Vornamen – den Kommunismus angriff, war er bei den Linken längst untendurch.

Viel Charisma

Als Michel Sardou am Mittwochabend im ausverkauften Amphitheater von Avenches auf die Bühne tritt, ist nichts mehr vom damaligen Wirbel zu spüren. Schon längst ist aus dem früheren, teils plumpen Provokateur ein charismatischer, vielschichtiger Künstler geworden – einer der beliebtesten im frankophonen Raum. In Bluejeans und ein schwarzes Oberteil gekleidet, intoniert der 66-Jährige den Klassiker «La maladie d'amour». Die Liebe erfasse alle, von den 7- bis zu den 77-Jährigen, singt er. Auch im Publikum sind alle Generationen vertreten: ältere Menschen, seit den 60er-Jahren dabei, aber auch Jüngere und gar Kinder – dank Duetten mit Céline Dion oder Garou ist Sardou auch der heutigen Generation ein Begriff.

Unter den Erfolgen, die Michel Sardou in Avenches präsentiert, finden sich auch umstrittene Titel. So «Les Ricains»: Just im Vietnam-Krieg erinnerte Sardou die Franzosen in diesem Chanson daran, wo sie sich ohne die Hilfe der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg befänden – in Grossdeutschland. In anderen Titeln beweist der 66-Jährige, dass er zwar nach wie vor Position bezieht, aber längst nicht mehr pauschal als rechtskonservativ abgestempelt werden kann. So besingt er in «Le privilège» die Angst eines schwulen Teenagers vor Ablehnung. Sardou erweckt den Titel von 1990 just in einer Zeit zu neuem Leben, in der die Homo-Ehe in seiner Heimat für böses Blut sorgt.

Ein Mann der Rekorde

Mit seiner aktuellen Best-of-Tour füllt Michel Sardou selbst in der Wirtschaftskrise die grössten Hallen Frankreichs. Und in Zeiten, in denen neue Stars immer schneller wieder verblassen, dürften auch seine bisher schon über 80 Konzerte im riesigen Palais Omnisports von Paris-Bercy unerreicht bleiben. Auch das Publikum in Avenches kennt die meisten Texte Sardous, selbst Jüngere singen mit. Mit viel Charme interpretiert Sardou die Stücke über die Liebe – so «Les vieux mariés», ein Chanson über ein altes Paar. «On habiterait à l'hôtel, on prendrait le café au lit; on choisirait un p'tit hôtel dans un joli coin du midi», singt er dort. Der eine oder andere Deutschschweizer Schüler übte mit diesem Lied den «Conditionnel». Und so manches Paar dürfte die Vorstellung, im Alter schöne Tage im Süden zu verbringen und sich den Kaffee ans Bett bringen zu lassen, mit Sardou teilen.

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