Charmante logische Verrenkungen

Wer sich den Kopf zerbricht, ist selber schuld: Im neuen Tanzstück «Nüwürüsütät» bringt Beate Vollack die Kompagnie mit dem russischen Autor Daniil Charms zusammen – in einem riesigen Sandkasten. An der Premiere in der St. Galler Lokremise wurde viel gelacht.

Bettina Kugler
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Eva will's wissen: Die Vertreibung aus dem Paradies wird in «Nüwürüsütät» ein bisschen anders nachgespielt. (Bild: Mario Perricone)

Eva will's wissen: Die Vertreibung aus dem Paradies wird in «Nüwürüsütät» ein bisschen anders nachgespielt. (Bild: Mario Perricone)

ST. GALLEN. Eine Frau lehnt sich zu weit aus dem Fenster und fällt in die Tiefe. Eine andere schaut ihr nach und stürzt gleich hinterher. Einer trinkt «einen Schluck von einer Spirituose» und löst sich auf. Oder war er sowieso nie da? Doch wohin ist dann bloss der Schnaps verschwunden?

Unablässig tischt der Mann in weissem Hemd und grauem Gilet, den man Daniil Charms nennen könnte, solche Geschichten auf – mit einer Mischung aus Ernst und Verwirrung, hin und wieder mit einem schwarzen Huhn auf dem Arm, beweglich sekundiert von der Tanzkompagnie des Theaters St. Gallen. Ist das ein Stück, und wenn ja: Wie könnte es heissen? «Nüwürüsütät», ruft einer lauthals, und so wird es bleiben. Dabei «klingt das nach nichts, ist dumm» – aber eben auch ein Volltreffer.

Zwei Flügel tänzeln mit

Nach ihrem sinnlich-verspielten choreographischen Einstand im letzten Jahr, der Meret-Oppenheim-Hommage «X=Hase», hat sich Tanzchefin Beate Vollack nun in der Lokremise auf Spurensuche im Sandkasten des Absurden begeben. Das Stück «Nüwürüsütät» bedient sich aus dem literarischen Nachlass des Russen Daniil Charms: Schauspieler Christian Hettkamp, der schon bei «X =Hase» als Rezitator den Tanz sprachlich auf die Spitze trieb, spaziert jetzt als Autor durch die skurrile Welt aus Wortschöpfungen und Sinnsackgassen. Eine vergnügliche und kurzweilige Angelegenheit mit kleinen Abstechern in pure Poesie – im farbig schillernden Zauberreich von Bohuslav Martinus Ballettmusik «Spalícek» sind es Überraschungsmomente sanfter Entrückung.

Zu entdecken ist diese ungemein spritzige, ideenreiche Musik hier nicht im sinfonischen Original, sondern in der Bearbeitung für zwei Klaviere von Stéphane Fromageot. Er und Pianist Paul Lugger spielen live am Rande des Geschehens; zuweilen sitzt der genialische Dichter alias Christian Hettkamp vor ihnen am Boden, tüftelt an einer möglichen Ordnung im Durcheinander seltsamer Begebenheiten.

Spielplatz des Absurden

Die Tänzer der Kompagnie, sieben Frauen, sieben Männer, können in «Nüwürüsütät» so lustvoll wie subtil ihren Spieltrieb austoben. Sie können Sätze wie Bälle in die Luft werfen, Sand aufwirbeln, mit Taucherbrille und Schnorchel auf dem Trockenen schwimmen, die Vertreibung aus dem Paradies noch einmal neu aufrollen und mit Witz untergraben. Das ganze wird zum Balanceakt zwischen Sinnlichkeit und Unsinn – wer es nicht nach ein paar Minuten selber merkt, kommt spätestens auf die Idee, wenn Tänzerin Stefanie Fischer ein aufreizendes Spielchen auf dem Sandkastenrand daraus macht.

Tatsächlich: ein grosser, rechteckiger Sandkasten, gefüllt mit Korkmehl, ist Spielplatz und Tanzfläche von «Nüwürüsütät» (Bühne/Kostüme: Dieter Eisenmann). Das Publikum sitzt sich auf den Längsseiten gegenüber und wird immer wieder überfallartig aus der Distanz gerissen. Das beginnt schon bei der überaus freundlichen Begrüssung und steigert sich bis zur Verführung. Doch keine Bange, peinlich wird es nicht. Dazu ist das Absurde in der Welt des Daniil Charms viel zu… ja wirklich: zu charmant. Und Martinus Musik trägt wesentlich dazu bei, dass dies kein Kalauer sein muss.

Den logischen Fallstricken und phantasievollen Verrenkungen der Textfragmente (Textarbeit: Marcus Boshkow) entspricht das Bewegungsvokabular. Klassische Formen wie Walzer und Marsch werden augenzwinkernd zitiert und ernsthaft in den Unsinn eingearbeitet. Zuweilen macht sich ein Körper selbständig, zuckt unkontrolliert, was sehr zum Lachen reizt – wie bei Exequiel Barreras (als einem der sieben Adams) in den postparadiesischen Nachwehen.

Traumtänzer mit Huhn

Selten wirkt Tanz so wenig selbstverliebt, so unpathetisch: Statt Innerstes nach aussen zu kehren und in Bewegung zu übersetzen, übt sich das Stück in Nonsens-Kommunikation. Worauf sich die Tänzer auch sprechtechnisch gut vorbereitet haben.

Dazwischen bewegt sich (neben dem Huhn, das irgendwann ein Ei legt) Christian Hettkamp als Autor Daniil Charms wie ein Traumtänzer: mit kindlicher Verschrobenheit. Die zwei Klaviere tänzeln auf Zehenspitzen, tauchen die Szenen in wechselndes Licht – Beleuchter Rolf Irmer tut ein übriges und spart nicht mit Farben. So präsentiert sich «Nüwürüsütät» als intelligente, frech getanzte Revue des Absurden. Wer sich den Kopf zerbricht, ist selber schuld.