Charmant und heimlifeiss

Darf man des Partners Tagebuch lesen? Wie früh soll Frühenglisch beginnen und was bedeutet es, wenn Männer schweigen? Unschuldig-hinterhältige Fragen, die Tina Teubner in ihrem Chansonkabarett in der Kellerbühne stellt.

Andreas Stock
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Preisgekröntes Chansonkabarett: Ben Süverkrüp und Tina Teubner in der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Preisgekröntes Chansonkabarett: Ben Süverkrüp und Tina Teubner in der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Männer und Frauen, seid gewarnt: Wer vom Programmtitel «Aus dem Tagebuch meines Mannes» eine stramm-feministische, satirische Tirade erwartet, wird enttäuscht. Denn so einäugig ist der kabarettistische Blick Tina Teubners auf die Geschlechterwelt bei weitem nicht. Das kleine, schwarze Tagebuch ihres Mannes zieht sie zwar gleich zu Anfang triumphierend aus der Tasche, schwört aber, es (noch) nicht gelesen zu haben – «aber es ist ein sehr schönes Gefühl, dass ich es lesen könnte», gibt sie verschmitzt zu.

Das Geheimnis des intimen Dokuments, so viel sei verraten, wird während des vergnüglichen Abends in der Kellerbühne nicht gelüftet. Vielmehr dient es als Katalysator, Auslöser und Symbol für die Episoden um Geheimnisse, unausgesprochene Wahrheiten und Unklarheiten, die das Leben – insbesondere das Zusammenleben – von Mann und Frau prägen.

«Du bist wie deine Mutter»

Die Frage, ob es einen «moralischen Notstand» gebe, der das unrechtmässige Lesen der intimsten Aufzeichnungen des Partners rechtfertige – beispielsweise das männliche Schweigen –, führt zum ersten Streitgespräch von Pianist Ben Süverkrüp und Tina Teubner. Denn der Mann am Piano spielt nicht bloss die Begleitmusik, sondern gibt pointiert Kommentare ab.

Wenn sich Teubner beklagt, dass ihre Männer vor sich hingeschwiegen haben («Die sagten immer nichts»), lautet seine trockene Antwort: «Die mussten ja immer dir zuhören.» Ihre Replik folgt auf den Fuss: «Auch verschlossene Schränke sind gerne leer.» Das folgende gepfefferte Wortduell gipfelt in einer sich stetig steigernden Schimpftirade: «Du bist wie deine Mutter, wie deine Mutter bist du, du hast immer recht, immer recht hast du – aber das ist soooo unerotisch.»

Womit Teubner bei der Liebe angekommen ist, die am Ende allein zählt. «Ich liebe meinen Mann», gesteht sie, «ich liebe ihn sogar sehr. Ich habe es nur nicht immer auf dem Schirm.» Und lächelt ins Publikum, so wie sie meistens frohgemut ins Publikum blickt: charmant, sympathisch, heimlifeiss.

Grosses, freches Mundwerk

Denn Teubner ist eine prächtige Lästerzunge, die ihre bissigen Beobachtungen wortgewandt und rasant, aber mit heiter-unschuldiger Miene vorträgt. Der eher kleinen Frau traut man ein so grosses freches Mundwerk kaum zu.

Doch hinter ihren süffisanten Anmerkungen über schweigsame Männer und deren innere Emigration, über Frauen mit «Mein Mann ist mein Feind»-Vokabular, über Frühenglisch und Sinnlichkeitsverächter, die vom Publikum lauthals belacht werden, steckt beissender Spott. Doch weil der von Teubner so süffig wie Likör serviert wird, schluckt man ihn genüsslich – und bemerkt meist erst im Abgang die bittere Note.

Bittersüsses Chanson

Nun wär's ungerecht, Teubners Satireküche auf gepfefferte Gerichte und scharfe Zutaten zu reduzieren. Dafür enthält ihr kabarettistisches Menu zu viele leise, sanfte und bittersüsse Gänge. Und der Deutsche Kleinkunstpreis 2010 in der Sparte Chanson für dieses Programm kommt nicht von ungefähr, hört man das Duo spielen und singen.

Ben Süverkürp prescht buchstäblich haarsträubend durch die Musikgeschichte und Tina Teubner erweist sich als virtuose Violinistin und versierte Interpretin der singenden Säge. Schon allein das zartbittere Lied «Es ist Nacht» lohnt den Weg in die Kellerbühne.

Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne St. Gallen, jeweils 20 Uhr

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