CHANSON: Zu seinen Liedern inspiriert ihn das Magazin

Der österreichische Sänger und Schauspieler Georg Clementi gastiert mit «Zeitliedern» erstmals in der Schweiz. In der Kellerbühne begeistert er mit Liedern, zu denen ihn Pressetexte animiert haben.
Andreas Stock
Sänger mit Körpereinsatz: Georg Clementi. (Bild: Leo Fellinger)

Sänger mit Körpereinsatz: Georg Clementi. (Bild: Leo Fellinger)

Woher kommen die Ideen für Lieder? Georg Clementi ist freilich nicht der Erste, der sich durch Schlagzeilen und Zeitungsmeldungen zu einem Lied inspirieren liess. Aber so konsequent wie der österreichische Sänger hat das wohl bislang kaum einer zum Programm geformt. Denn seine «Zeitlieder» sind deutschsprachige Chansons, deren Texte von Kolumnen, Interviews und Reportagen aus der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und ihres Magazins inspiriert sind.

Im Verlauf des sehr kurzweiligen, manchmal nachdenklichen, doch meist beschwingten Liederabends in der Kellerbühne weist Clementi darauf hin, welche «Zeit»-Autorin oder welcher «Zeit»-Autor denn Patin oder Pate stand. Sein Lied «Liebe, Tod und Wetter» über eine Zugfahrt von München nach Berlin beispielsweise war der Titel eines Interviews – es inspirierte den Musiker zu einem Chansontext über ein langes Gespräch im Zug. Während der Tonfall in den meisten Liedern heiter und ironisch ist, scheut der stimmlich ausdrucksstarke Chansonnier nicht vor ernsten, traurigen Themen zurück. «Lied eines Soldaten» – es beruht auf dem «Zeit»-Text «Was ist ein Krieg?» – beschreibt aus der Sicht eines Soldaten dessen Emotionen und Gedanken, nachdem er erstmals jemanden erschossen hat. Ebenso eindringlich «Der Kinderknast von Lesbos» über einen jugendlichen Flüchtling aus Afghanistan.

Virtuose Begleitung, stilistisch facettenreich

«Das müssen sie nun eben ertragen», meinte der Sänger bei diesen zwei eher bedrückenden Chansons zum Publikum. Von wegen «ertragen», ist es doch «Berührtheit», die sie bewirken. Und ihre Melancholie hält auch nicht lange an. Dafür ist Clementi ein viel zu charmanter Wirbelwind und seine Musiker Ossy Pardeller (Gitarren) und Sigrid Gerlach-Waltenberger (Akkordeon) – aus ihrer Feder stammen die meisten Kompositionen – viel zu virtuos. Zwischen Musette-Romantik, mediterraner Lebensfreude, modernem Grossstadt-Swing und rockigen Elementen bewegt sich die musikalische Stilpalette so facettenreich wie die thematische Bandbreite der Lieder. Mit charismatischer Ironie zelebriert Clementi den Konsumrausch oder seziert bitterböse die Billigpreis-Gier. Man leidet mit ihm, wenn er auf der Suche nach dem Frühling immer weiter in den Süden fährt – und er stattdessen im Strassencafé frieren muss. Oder wenn er mit genussvoller Schadenfreude von der 17-jährigen Tochter erzählt. Der gelingt es nach erfolglosen Provokationen mit Piercings und Punk-Phase doch noch, ihr abgeklärte und tolerante Familie zu schockieren: – weil sie nun Muslima sein will.

Was das Trio von etlichen Chansonabenden abhebt, ist zudem die ansteckende Präsenz von Clementi, der seinen Zweitberuf als Schauspieler voll zur Geltung bringen kann: kaum ein Lied, bei dem er still sitzt. Meist ist er in Bewegung, tänzelt oder hüpft im Rhythmus zwischen den beiden Musikern, unterstreicht mit seinen Armen, Gesten und Mimenspiel seine Liedtexte. Das kann einem teilweise ein wenig zu exaltiert vorkommen, scheint ihm aber ganz in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Und es unterstreicht die Energie und Leidenschaft seines Auftritts. Sein erstes Gastspiel in der Schweiz macht Georg Clementi zu einer lohnenden Entdeckung.

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

Weitere Auftritte heute Fr und morgen Sa, 20 Uhr, Kellerbühne St. Gallen

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