Chanchierende Stofflichkeit

Der Kostümbildner und Szenograph Bernhard Duss spricht über sein Gefühl für Formen, Stoffe und Figuren. Und er bedauert, dass das Textilmuseum bei den St. Gallern nicht grössere Beachtung findet.

Brigitte Schmid-Gugler
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Der Szenograph und Kostümbildner Bernhard Duss beim Einrichten der Ausstellung «Visions». (Bild: Ralph Ribi)

Der Szenograph und Kostümbildner Bernhard Duss beim Einrichten der Ausstellung «Visions». (Bild: Ralph Ribi)

Ein Klacken wie von Steppschuhen hallt durchs Treppenhaus. Klack. Klackklack. Klack. Etwas prallt gegen ein hartes Gegenüber. Klack. Bernhard Duss steht vor einer mehrere Meter hohen angelehnten Farbtafel mit einem massiven Holzrahmen. Man könnte meinen, da sei der Künstler Barnett Newmann am Werk, der hier mit seinem Satz zitiert werden könnte: «Ich will, dass der Betrachter empfindet, dass er anwesend ist.» Newmann öffnete Farbräume; Duss tut es unter anderen Voraussetzungen ebenso. Vor jeder der drei hohen, in unterschiedlichen Farbkombinationen gemalten Wände liegen Häufchen mit farblich assortierten Stoffmustern. Man kann gar nicht anders, als sich diese kostbaren Textilien über den Arm zu legen, zu fühlen, in ihnen «an-wesend» zu sein. Die Tafel mit den herbstlichen Farbgerinseln hat er noch in der vorausgegangenen Nacht selbst kreiert. Die Dosen stehen noch da, und Bernhard Duss erzählt frohgelaunt, dass er soviel Acrylfarbe über die Leinwand gegossen habe, dass sich unten ein kleiner See bildete – gut abgedeckt gegen den Parkettboden hin.

Mode und Bühne

Das Klackgeräusch stammte übrigens vom Bostitch, mit welchem er die Stoffmuster nun an den Wänden befestigt. Duss ist hier im Textilmuseum gerade damit beschäftigt, in einem produktionsbezogenen Auftrag die Herbstausgabe der Ausstellung «Visions» einzurichten. Eine von Direktorin Michaela Reichel weitergeführte Schau zu Farben und Trends der kommenden Saison. Alle wichtigen Textilunternehmen der Schweiz beteiligen sich mit eben jenen Stoffmustern.

Diese Arbeit ist nur ein kleiner Teil des beruflichen «Gesamtpakets» des aus Luzern stammenden Textildesigners und Kostümbildners Bernhard Duss. Er war als 21jähriger, frisch ausgebildeter Textilentwerfer in die Stickereifirma Jakob Schlaepfer gekommen und erhielt dort eine wunderbare Plattform, sich persönlich weiterzuentwickeln, wechselte später zu Fischbacher und feilte weiter an seinem Wunsch, die Opulenz der Textilien für seine eigenen Gestaltungsideen weiterzudenken. Das Theater, die Oper, waren sein nächstes Ziel, das er in der Saison 1998/99 das erste Mal erreichte, als er für die Produktion «Der Zauberer von Oz» als Kostümbildner am Theater St. Gallen engagiert war. Durch den damaligen Direktor Peter Schweiger wurde und wird er von diesem auch nach seiner Intendanz immer wieder geholt – so unter anderem für dessen Operninszenierungen auf Schloss Hallwyl. Bereits wurde er angefragt für «Die «Zauberflöte», die 2015 dort gespielt wird – «ein Traum für jeden Kostümbildner», schwärmt Bernhard Duss.

Darmsaiten und Damast

Fast gleichzeitig mit seinem ersten Auftrag am Theater hatte eine junge Studienkollegin aus Luzernerkreisen einen Auftrag von Parisienne-Zigaretten an Land gezogen und ihn als Mitarbeiter angefragt. Diese damals unglaublich kostspieligen und alle Grenzen der Werbetechnik sprengenden Kampagnen öffneten ihm neue Freiräume – darunter den Schritt in die Selbständigkeit.

Inzwischen sind mehr als zwanzig Jahre ins Land gezogen, und Bernhard Duss ist ein vielgefragter und engagierter Künstler, der, würde man ihn nicht explizit darauf ansprechen, kein Aufhebens aus seiner erfolgreichen Geschichte macht. Auch nicht aus der Tatsache, dass er schon als Kind Barockgeige zu spielen begann und heute in verschiedenen Ensembles mitspielt.

St. Galler Aschenputtel

Für die Stickereiausstellung «Bling-Bling – Traumstoffe aus St. Gallen» im Landesmuseum Zürich vor neun Jahren war Duss zu Jakob Schlaepfer zurückgekehrt. In der Folge übernahm er in einem Teilzeitmandat die Verantwortung für die Stoffläden der Firma und rutschte dann fast zwangsläufig in die Ausrichtung der nächsten grossen Schau – diesmal als Kurator und Szenograph für die nicht minder erfolgreiche Ausstellung «StGall» im Textilmuseum. Duss, der seinen Lebensmittelpunkt zurück nach Luzern verlegt hat, sagt, dass es immer wieder einmal vorkomme, dass er sprachlos sei vor dem unerschöpflichen Reichtum dieses Hauses. «Würde diese Sahnetorte in Luzern stehen, sie wäre schon längst zum Kassenschlager geworden.»