Chagalls grosser Aufbruch

Das Kunsthaus Zürich beleuchtet mit «Marc Chagall – Meister der Moderne» die Anfangsjahre Chagalls und zeigt das wenig bekannte Frühwerk des populären Malerpoeten.

Florian Weiland
Merken
Drucken
Teilen
«Paris durch das Fenster gesehen» von Marc Chagall, 1913 (Bild: Solomon Guggenheim Foundation/Pro Litteris)

«Paris durch das Fenster gesehen» von Marc Chagall, 1913 (Bild: Solomon Guggenheim Foundation/Pro Litteris)

Ein Blick auf Paris, gesehen durch ein Fenster. Marc Chagall malt die Metropole an der Seine 1913. Es ist eine der wenigen Stadtansichten in seinem Werk – und es ist ein programmatisches Bild, entstanden ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Chagall lebt bereits drei Jahre in Paris, dem Zentrum der Avantgarde. Er ist fasziniert von den neuen Kunstrichtungen Fauvismus, Kubismus und Orphismus. Auf höchst eigenwillige Weise wird er deren neue malerischen Ausdrucksformen aufgreifen.

Wahlheimat Paris

Die leuchtenden Farben des Pariser Fensterausblicks verweisen bereits deutlich auf Robert Delaunay. Auch das zentrale Motiv des Eiffelturms nimmt Bezug auf Delaunay. In Chagalls Bild finden sich aber auch Elemente, die an einen Traum erinnern: Auf der Fensterbank sitzt eine Katze mit Menschenkopf, ein Liebespaar schwebt durch die Luft und eine Eisenbahn steht auf dem Kopf. Rechts unten schliesslich eine Figur mit Januskopf. Es dürfte ein verstecktes Selbstporträt sein. Der Künstler schaut sowohl nach Westen, auf seine neue Wahlheimat, als auch nach Osten, in Richtung seiner russischen Heimat. 1914 wird Chagall wieder nach Russland zurückkehren, bis er 1922 erneut nach Frankreich ziehen wird. Diesmal für immer.

Klischees werden widerlegt

Das Kunsthaus Zürich konzentriert sich auf genau diese Zeit. Die Jahre von 1911 bis 1922 sind die entscheidenden in der künstlerischen Entwicklung von Marc Chagall (1887–1985). Er ist noch auf der Suche nach seinem eigenen Stil, beschäftigt sich intensiv mit den aktuellen Tendenzen der Avantgarde, in Frankreich wie in Russland, wo Suprematismus und Konstruktivismus ihren Siegeszug antreten. Der Pinselduktus in den ersten Bildern der Ausstellung erinnert an van Gogh, die Farben an Matisse und den Fauvismus, später kommen orphistische Elemente hinzu. Am Ende wird Chagall seine einzigartige Bildsprache gefunden haben, die ihn zu einem der beliebtesten und populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts machen wird. Die Ausstellung verspricht nicht weniger als die Frage zu klären, wie Chagall zu dem Künstler geworden ist, den wir heute kennen. Dabei wird manches Klischee widerlegt werden.

Chagall neu entdecken

Viele der rund 90 Leihgaben stammen aus russischen Museen und sind wie Chagalls Wandbilder für das Staatliche Jüdische Kammertheater Moskau in Westeuropa weitgehend unbekannt. Die Ausstellung, die vom Kunsthaus zusammen mit der Tate Liverpool organisiert wird, macht es damit möglich, einen Künstler, über den man schon alles zu wissen glaubte und an dem man sich vielleicht sogar sattgesehen hatte, neu zu entdecken. Chagalls grossformatige Theaterbilder – sein letztes und zugleich grösstes Werk, bevor er Russland verlassen wird – gehören fraglos zum Höhepunkt der Schau. Aber auch sonst gibt es viel zu entdecken, etwa eine der seltenen Collagen Chagalls, mit der er auf die konstruktivistischen Collagen Alexander Rodtschenkos reagiert. Oder die einfühlsamen Zeichnungen, die er, kurz nach Kriegsbeginn, in seinem Heimatdorf Witebsk anfertigt. Zu sehen ist unter anderem ein Soldat, der Abschied von seiner Liebsten nimmt.

Träume von der Heimat

Ein Durchbruch in der Ausstellungswand erlaubt an dieser Stelle den Blick auf ein Spätwerk Chagalls, das von den Schrecken des Krieges erzählt. Überhaupt verdient die wohlüberlegte Hängung der Ausstellung ein Kompliment. Je mehr Zeit Chagall in Paris verbringt, desto stärker richtet sich sein Blick auf das, was er zurückgelassen hat. Er beginnt, ein idealisiertes Bild vom Ort seine Jugend zu malen. «Der Viehhändler» von 1912 erzählt in gewagter Farbigkeit eine Szene aus dem dörflichen Leben. Chagall träumt von seiner Heimat. Seine Figuren schweben und fliegen, die Proportionen spielen keine Rolle, mythische Figuren wie der Geiger treten auf.

Zarter, poetischer Malstil

Der Dichter Apollinaire bezeichnet Chagalls Kunst einmal als «surnaturalisme». Dabei ist Chagall ein sehr bewusster Träumer. Während in seinen Gemälden immer mehr Autobiographisches Einzug hält und die Traumelemente zunehmen, setzt er sich parallel dazu mit den neuen Kunstrichtungen auseinander. «Die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk; aber meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser», erkennt Chagall.

«Die Versuchung», ein Bild aus dem Jahr 1912, ist eine radikal kubistische Komposition und zugleich eine phantastische Traumvision. In Russland gehört Chagall zu den Förderern Kasimir Malewitschs. Gegenüber dessen rigorosem Suprematismus wirkt Chagalls zarter, poetischer Malstil veraltet. Auch deshalb kehrt Chagall seiner russischen Heimat den Rücken. Um in Paris weiter träumen zu können.

Bis 12. Mai, Kunsthaus Zürich, tägl. 10–18 Uhr, Mi/Do/Fr bis 20 Uhr