Cello umfassend gedacht

Beim 2. Meisterzyklus-Konzert in der Tonhalle St. Gallen begeisterten Pieter Wispelwey und Paolo Giacometti als so intimes wie energiegeladenes Duo. Martin Preisser

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Manchmal gibt es auch im Konzertsaal unerwartete Weihnachtsgeschenke. Ein solches bescherten Cellist Pieter Wispelwey und sein Pianist Paolo Giacometti dem Meisterzyklus-Publikum: einen Paganini im Geiste Schuberts. Es schien, als wollten beide zum anspruchsvollen Programm mit wärmster Virtuosität und austariertem Klangsinn noch eins drauflegen. Kurz: Paganinis Cello-Fassung der Schubert'schen Phantasie für Violine und Klavier geriet zum so funkelnden wie abgründigen Feuerwerk des Abends.

Pieter Wispelwey ist ein umfassender Künstler, der (auch die Duo-Literatur auswendig präsentierend!) schon in Bachs erster Solo-Suite grosse Räume beglückend erforschte; ein Musiker, der der freien Phantasie Bachs intensiv nachlauschen und sich damit wie in schwereloses Improvisieren hineingeben kann. Wispelwey scheint neue Umräume um diese Musik zu bauen. Die Souveränität und künstlerische Grosszügigkeit des niederländischen Cellisten liess Musik erklingen, die vom reinen Celloklang in freie Klangwelten zu zeigen schien.

Mit Fusskick weiter

Wenn der Künstler dann, Cello und Bogen in der Hand, sein Podiumselement samt Stuhl selber mit den Füssen über die Bühne kickt, dann merkt man auch in dieser Geste einen humorvoll-menschlichen Umgang mit allem letztlich Nebensächlichem. Quasi mit einem Fusskick ging es weiter über Schubert zu Strawinsky, in dessen «Suite italienne» Wispelwey wie der traumhaft gestaltende Paolo Giacometti die Frische und Keckheit auslebten, mit der Strawinsky in Alte Musik taucht und sie in seinen (hier fast holzschnittartigen) Personalstil manchmal schelmisch verpackt.

Beim Duo Wispelwey-Giacometti vereint sich neben perfekter Abgestimmtheit (auch dank hochsensiblen Klavierdenkens) enorme Freigebigkeit des Musizierens mit einer so poetischen wie bewusst virtuosen Attitüde zu einem in jeder Sekunde packendem, berührendem Erlebnis. Das Duo scheint nicht zu fragen: Interpretieren wir es so oder doch anders? Sondern es packt einen umfassenden Zugang zur Musik in jede Partitur hinein.

Rund um die Alte Musik

So kann ein Werk wie die e-Moll-Sonate von Brahms klanglich so nachdenklich im ersten wie wild virtuos im Schlusssatz sein. Wie Brahms im Finale auf Bach zurückgreift, so tut dies auch György Ligeti in einer traumhaften Cello-Solosonate.

Mit grosser Geste und Feinsinn zeigte das Duo Alte Musik und Musik, die aufs Alte Bezug nimmt. Zwei Geschenke gab es als Zugabe. Das wertvollere: Eine pikante Transkription des Grand Valse brillante von Chopin.