Cecilia Bartoli stösst eine neue Türe auf

Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli nähert sich mit neuem Blick Vincenzo Bellinis Oper «Norma». Das Orchester spielt auf historischen Instrumenten.

Tobias Gerosa
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Cecilia Bartoli als Norma (Bild: Decca/Uli Weber)

Cecilia Bartoli als Norma (Bild: Decca/Uli Weber)

35 Jahre ist die Sopranistin Maria Callas tot, und noch immer gilt Vincenzo Bellinis heroische Oper «Norma» als ihre Oper. Dieses Monopol macht ihr jetzt Cecilia Bartoli streitig: erfolgreich, wie ihre Neuaufnahme zeigt.

Die Handschrift angeschaut

Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste betrifft die Forscherin und Entdeckerin. Wie in all ihren Projekten seit einiger Zeit hat sich Bartoli nicht mit den gedruckten Noten zufriedengegeben, sondern hat sich die Handschrift angeschaut und als Resultat ihrer Nachforschungen entschieden, dass das Werk einen neuen Blick, einen neuen Zugriff braucht.

Das Blech darf rumpeln

Da gibt es ein paar Änderungen für die Spezialisten, sofort hörbar ist aber das neue Verständnis Bellinis aus seiner Zeit, als Zeitgenosse Beethovens, sieben Jahre vor Verdis allererster Oper. Giovanni Antonini und das Zürcher Orchestra La Scintilla interpretieren die Partitur nicht nur auf historischen Instrumenten jener Zeit, sondern auch deutlich entschlackt, schlank und mit rhythmischer Knackigkeit. Die Tempi sind rasch, das Blech darf rumpeln – so, wie sich die historisch-informierte Aufführungspraxis für die Musik ausserhalb der italienischen Oper längst durchgesetzt hat.

Die Archivarbeit äussert sich aber auch deutlich in der Besetzung der Aufnahme: War es lange Zeit üblich, die Rolle der Gallierin Norma mit einem lyrisch-dramatischen Sopran und ihre Dienerin und Nebenbuhlerin Adalgisa mit einem Mezzosopran zu besetzen, kehrt sich jetzt dieses Verhältnis um (ob Bartoli bei andern Ergebnissen auch die zweite Rolle gesungen hätte?) und erobert so der Bartoli eine Rolle, in der man sie nie und nimmer gesehen hätte.

Von der Verschlankung profitieren alle Rollen, das ist der zweite, der sängerische Ansatzpunkt: Adalgisa rückt von der Gefahr weg, als Wuchtbrumme orgeln zu müssen (was die Glaubwürdigkeit des Liebesverhältnisses oft beeinträchtigt hat), Sumi Jos leichter Sopran verbindet sich in den langen Duetten sehr gut mit Cecilia Bartolis Stimme.

Weniger Held, mehr Mann

Auch der Römer Pollione, der Mann zwischen den beiden, bekommt im Verständnis als Belcanto-Rolle ein menschlicheres Gesicht: weniger Held, mehr Mann. Hört man den hier etwas «kopfig» klingenden, aber mit betörenden Linien aufwartenden John Osborne in der neuen Aufnahme, kann man die traditionellen Rollenvertreter allerdings noch nicht vergessen.

Von innen kommende Dramatik

Aber wegen Pollione und Adalgisa kauft sich niemand eine «Norma»-CD. Entscheidend ist die Titelfigur. Cecilia Bartoli stattet sie mit dem Besten aus, das sie hat. Das sind nicht mehr primär die Verzierungen, die bisweilen gaumig und nicht sehr kontrolliert wirken, sondern eine von innen kommende, direkte Dramatik, die jeden Ton für ein aussergewöhnlich plastisches Porträt nutzt. Das grosse Auftrittsgebet «Casta Diva» singt sie ganz verhalten, Koloraturen werden zum Ausdruck seelischer Regungen. Wo Callas loderte, glüht Bartoli.

Diese Aufnahme stösst die Türe auf zu einem neuen Kapitel, in dem die historische Aufführungspraxis auch in der italienischen Oper zu ganz neuen Ergebnissen kommt. Szenisch hat etwa Jossi Wieler in Stuttgart schon gezeigt, wie spannend Bellinis «Norma» sein kann – diese CD vollzieht diesen Interpretationsschritt auch akustisch.

Norma – und Mussolini

Auf der Bühne hat Cecilia Bartoli die Norma diesen Mai bei den Salzburger Pfingstfestspielen verkörpert. Die Regisseure haben das – vom Librettisten wegen der Zensur in die graue Vergangenheit versetzte – Geschehen in der Zeit Mussolinis angesiedelt.

Vincenzo Bellini: Norma, Cecilia Bartoli, Orchestra La Scintilla, Dirigent Giovanni Antonini, 2 CDs, Decca 0028947835172

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