Carte Blanche für den St. Galler Komponisten Charles Uzor in der Tonhalle

In der Reihe der Contrapunkt-Konzerte wurde am Sonntag Charles Uzors "Mothertongue" uraufgeführt, zudem eine revidierte Fassung seines Septetts "Go. Ballet imaginaire".

Bettina Kugler
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Eine Matinee für Unerhörtes: Im Rahmen der Contrapunkt-Konzerte wurde in der Tonhalle Charles Uzors Werk "Mothertongue" uraufgeführt. © Urs Bucher/TAGBLATT

Eine Matinee für Unerhörtes: Im Rahmen der Contrapunkt-Konzerte wurde in der Tonhalle Charles Uzors Werk "Mothertongue" uraufgeführt. © Urs Bucher/TAGBLATT

Schlaflose Nächte hat es kurz vor dem Konzert gegeben, die saisontypischen Erkältungen, dazu noch einen verletzten Finger. Aber auch einen beherzten Geiger, der kurzfristig einzuspringen bereit war: François Girard. Einen halben Tag hatte er Zeit, sich mit den beiden Partituren des St. Galler Komponisten Charles Uzor vertraut zu machen; knapp neunzig Minuten Musik, von der nur ein kleiner Teil, das Septett "Go", bereits auf Tonträger nachzuhören ist. Der grössere war "Mothertongue", eine Uraufführung, klanglich vielschichtig, komplex in der Verbindung mit Text und Elektronik. Für seinen unerschrockenen Einsatz war Girard ein Extraapplaus am Ende sicher.

Der Kleine Tonhalle-Saal hätte beim Contrapunkt-Konzert am Sonntag Vormittag wohl nicht genügend Platz geboten. Zwar wäre sich das Publikum, knapp hundert Zuhörerinnen und Zuhörer (darunter erfreulicherweise auch sehr junge) dort zwangsläufig näher gekommen. Es hätte sich nicht locker auf den Saal verteilt – gerade so, als brauche es für das Erlebnis neuer Musik extra viel Platz und Abstand um sich herum. Doch die zehn Musiker des eigens für dieses Projekt formierten Ensembles Mothertongue füllten den vorderen Bereich der grossen Bühne in ganzer Breite aus: allein schon Flügel und Schlagzeug brauchten Raum, dazu kam eine klangfarbenreiche Besetzung aus Streichern, Klarinetten, Horn, Laute, Theorbe – und sehr viel Technik, Mikrofone und Lautsprecher für elektronische Zusatzeffekte.

Ins Offene getanzt

Schon vor Konzertbeginn sprach dieses Aufbau still für sich sprach und weckte eine Ahnung dessen, was in den dichten neunzig Minuten akustisch zusammentreffen würde, was sich sinnlich und sinnreich schichten, ineinandergreifen und zu erstaunlichen Begegnungen führen würde – über Zeiten und geografische Räume hinweg. Gespielt wurde ohne Pause: Dies, weil sich die fünf Teile des uraufgeführten Hauptwerkes "Mothertongue" kaum auseinanderreissen lassen. Es braucht den grossen Bogen, die anhaltende Konzentration, auch wenn die die Sätze in sich geschlossen sind; anders als das Auftaktstück "Go" für Septett – dieses ist ein "Ballet imaginaire", das ins Offene tanzt.

Fredy Zaugg Singer an Klarinette und Bassklarinette hat darin den sanglichen Part; die Streicher (François Girard, Gwendoline Rouiller, Florian Mohr, Alexander Gropper) setzt Uzor rhythmisch und als schillernden Klanggrund ein, das Klavier (Ute Gareis) oft sehr perkussiv und in tiefer Lage - während Percussionist Maximilian Näscher mit Glockenspiel und Vibraphon lichte Kontraste setzt, das Ballett ohne Tänzer in Schwebezustände versetzt. 

Romantik, Renaissance, afrikanische Weisheit

Die Leitung ist bei Rupert Huber in besten, erfahrenen Händen, und sie ist auch in der vergleichsweise kleinen, kammermusikalischen Besetzung nötig – vor allem dann in "Mothertongue", denn hier kommen noch Tonband und Stimme, Theorbe und Elektronik hinzu. Schöner Ton mischt sich mit Rauschen, mit flackernden, unruhig anschwellenden Klängen vom Band; Musik der Renaissance spielt hinein in afrikanische Rhythmen. Vielstimmig ergründet das Werk die Tiefen der Muttersprache, der ursprünglichen Ausdrucksform von Beheimatung und Geborgenheit.

Die junge Vorarlberger Mezzosopranistin Isabel Pfefferkorn singt expressiv und wandlungsfähig, doch sind es nicht  "vertonte" Texte im klassischen Sinne. Stattdessen wechseln in "Mothertongue" Rezitation und Gesang ab, und die Spanne der Texte ist weit: hier Gedichte von Paul Celan und Samuel Beckett, da Sprichwörter der Igbo und Gbaya, ein Ausschnitt aus Novalis' "Heinrich von Ofterdingen", in dem die blaue Blume, Sehnsuchtsmetapher der deutschen Romantik, entdeckt und bestaunt wird. Wie "Go" überzeugt auch "Mothertongue" durch eine ausgeklügelte, doch organisch wirkende Dramaturgie, eine Stringenz in der Entwicklung der fünf Teile. Hier und da gibt es Patterns wie in der Minimal Music, und das Zeitgefühl löst sich beim Hören auf: eine befristete Rückkehr in den Zustand vorsprachlichen Daseins.