Carl Roesch und seine umfangreichen Notizen: Die Thurgauer Kunsthistorikerin Tildy Hanhart bringt seine Tagebücher ans Licht

Tildy Hanhart war einst Nachbarskind des Diessenhofer Künstlers Carl Roesch. Heute transkribiert die Thurgauer Kunsthistorikerin die Tagebücher des Künstlers. Sie erlebt ihn nicht nur als faszinierenden, genauen Landschaftsmaler, sondern entdeckt auch die unsicheren Seiten an ihm: Carl Roesch als Suchender.

Dieter Langhart
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Tildy Hanhart hofft, dass Carl Roeschs Tagebücher allen zugänglich gemacht werden.

Tildy Hanhart hofft, dass Carl Roeschs Tagebücher allen zugänglich gemacht werden.

Bild: Dieter Langhart

Sie waren einst Nachbarn in Diessenhofen: der Künstler Carl Roesch (1884–1979) und die junge Tildy Hanhart (*1942) auf dem elterlichen Bauernhof. Sie erinnert sich gut an ihn, und seit Jahren widmet sie ihm viel Zeit. Jetzt empfängt sie in ihrer Wohnung in Oerlikon zum Gespräch, auf dem Tisch stehen erst Gläser und Wasser, bald aber liegen da drei, vier von Hand geschriebene Hefte.

Sorgsam blättert Tildy Hanhart in einem der Arbeitsbücher. Für die Kunsthistorikerin sind sie der Schlüssel zum Künstler Carl Roesch. Sie hat einige transkribiert, liest an Lesungen daraus und erzählt dazu; die nächste ist übermorgen in Ittingen.

Wenn Tildy Hanhart im Garten war, sah sie – über die Stadtmauer hinweg – den Künstler in seinem weissen Mantel. In der elterlichen Stube hing ein Aquarell, Roeschs Hochzeitsgeschenk an die Eltern, denn der Vater aquarellierte in seiner freien Zeit. «Ich bin gern in der Landwirtschaft aufgewachsen», sagt Tildy Hanhart. «Wir vier Schwestern hatten klare Aufgaben: Haushalt, Putzen, Garten, Feldarbeit.»

An der Kantonsschule in Schaffhausen hatte sie einen guten Zeichenlehrer, den Künstler Werner Schaad. Nach der Matura sah Tildy Hanhart eine Ausstellung Roeschs, studierte Kunstgeschichte im Nebenfach – promoviert hat sie in Germanistik.

25 Tagebücher aus der Zeit von 1918 bis 1972 hat sie transkribiert

Tildy Hanhart wurde Lehrerin, verdiente sich nebenbei ein Sackgeld als Journalistin bei den «Schaffhauser Nachrichten» und konnte so umsonst in Kunstausstellungen. «Carl Roesch faszinierte mich», sagt sie, «er konnte die Landschaft, die ich kannte, mit seinem Künstlerauge sichtbar machen. Auch in seinen abstrakten Bildern erkenne ich die Landschaft.» Das Lokale, das Nahe ist ihr wichtig, denn «was Gültigkeit hat, kann überall sein».

Im Wehrlischulhaus in Kreuzlingen hat Carl Roesch ein Mosaik gestaltet.

Im Wehrlischulhaus in Kreuzlingen hat Carl Roesch ein Mosaik gestaltet. 

Bild: Susann Basler

Ihr Schulkamerad Erich Brändle ging bei den Roeschs ein und aus, wurde später Künstler und Kunstlehrer, riet Tildy Hanhart, über Kunst zu schreiben. Oft schrieb sie über junge, unbekannte Künstler und suchte das intensive Gespräch mit ihnen. Einer von ihnen war der Eschenzer Richard Tisserand, inzwischen Kurator des Kunstraums Kreuzlingen.

Tildy Hanhart nahm Kontakt auf mit dem Thurgauer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Albert Knoepfli, und Urs Roesch, einziger Neffe Carl Roeschs, übergab Tildy Hanhart einige der handgeschriebenen Hefte. Sie hat inzwischen fünfundzwanzig der Arbeitsbücher aus der Zeit von 1918 bis 1972 transkribiert – viel Arbeit im Auftrag der Carl und Margrit Roesch-Stiftung, die den Nachlass wissenschaftlich aufarbeitet und zugänglich macht.

Eindrückliche Schilderungen von Roeschs Reisen

«Auch Roesch suchte», sagt Hanhart. «Er war zwar eine Künstlerpersönlichkeit, aber oft unsicher.» Eindrücklich seien die Schilderungen seiner Reisen: zu den Mosaiken in San Marco; immer wieder nach Paris mit dem «Problem Picasso», das ihn nicht losliess; nach Basel, Zürich, Luzern, wo er sich Schweizer Künstler ansah. «Carl Roesch hat in seiner Kunst stets den Bezug zum Leben behalten wollen.»

Das Bild «Arbeitende Frauen auf dem Felde» von Carl Roesch im Weinfelder Trauzimmer.

Das Bild «Arbeitende Frauen auf dem Felde» von Carl Roesch im Weinfelder Trauzimmer.

Bild: Nana do Carmo

Tildy Hanhart hat eine zweite Seele: eine politische, engagierte Seele. Sie war dreissig Jahre für die Kommunikation beim HEKS zuständig und reiste viel, hat das Weltgeschehen miterlebt. Sie teilt Max Frischs Überzeugung, dass sich alles im Menschen entscheide; sie wollte «nie an der Sonne liegen»; sie schreibt der NZZ bisweilen harsche Leserbriefe; sie freut sich über die kritische Jugend von heute und nimmt jeden Tag als Abenteuer wahr.

Und sie hofft, dass einst eine Publikation Carl Roeschs Tagebücher allen zugänglich machen wird. Tildy Hanharts Wunsch an die Welt? «Dass wir ehrlich den Frieden suchen.»

Tildy Hanhart liest am 5.3.2020 um 19 Uhr in der Kartause Ittingen aus Carl Roeschs Tagebüchern und kommentiert sie.

130 Jahre Carl Roesch

DIESSENHOFEN. Der Thurgauer Carl Roesch ist primär als Maler und Mosaizist bekannt, weit weniger als Zeichner. Hier wird besonders sein verschmitzter Blick auf die Welt sichtbar. In schnellen Zügen hielt er Stimmungen und Impressionen fest.

Des Künstlers schönster Fleck

DIESSENHOFEN. Die Carl-und-Margrit-Roesch-Stiftung lud ins Diessenhofer Atelier des Malers Carl Roesch, um seines 129. Geburtstages mit neuen Sichtweisen zu gedenken. Die ehemalige Wirkungsstätte wurde seit dem Tod des Künstlers nicht verändert.
Margrith Pfister-Kübler