Literarische Nouvelle Cuisine von Alex Capus

Der Oltener Bestsellerautor Alex Capus erzählt in «Königskinder» die Story einer ländlichen Liebe, die gar nach Versailles führt. Sprachlich virtuos gemacht, stillt das Buch vor allem den kleineren Lesehunger.

Arno Renggli
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Alex Capus (57) versteht es, mit grosser Leichtigkeit und sprachlichem Reichtum zu erzählen. (Bild: Ayse Yavas/PD)

Alex Capus (57) versteht es, mit grosser Leichtigkeit und sprachlichem Reichtum zu erzählen. (Bild: Ayse Yavas/PD)

Jakob führt seit vielen Jahren im Greyerzerland ein einsames Leben als Alphirt. Bei einem seiner Gänge ins Tal erblickt er die Bauerntochter Marie. Und beide wissen sofort: Sie gehören zueinander. Alle äusseren Widerstände vermögen die Erfüllung ihrer Liebe nur aufzuschieben. Da ist vor allem Maries Vater, der natürlich was anderes im Sinn hat, als seine Tochter einem mittellosen Niemand zu überlassen. Doch die beiden finden Mittel und Wege.

Dann wird Jakob nach Versailles abberufen. Er soll als Viehexperte auf einem Bauernhof, den König Ludwig XVI. seiner Schwester geschenkt hat, die eingekauften Schweizer Kühe milchmässig auf Vordermann bringen. Dafür hat er ein Händchen. Und weil er sich nicht nur deshalb die Gunst der royalen Hofbesitzerin erwirbt, sinnt diese nach Wegen, Jakobs ferne Geliebte herbeizuschaffen. Ein abenteuerliches Unterfangen, zumal in einer Zeit, in der gerade die Französische Revolution am Losbrechen ist.

Historische Hintergründe wie stinkendes Versailles

Alex Capus erzählt diese in ihren Grundzügen wahre Geschichte (vergleiche Box) auf hinreissende Art. Die Sprache ist von virtuoser Leichtigkeit, durchsetzt mit leisem Humor, der aber die emotionale Bindung an die Figuren in keiner Weise unterwandert. Man wünscht den Protagonisten ein gutes Ende. Denn was soll sonst Trost bieten in einer solchen Zeit.

Den historischen Background lässt Capus immer wieder einfliessen. Eindrücklich sind etwa die katastrophalen hygienischen Zustände auf den Verkehrsadern zwischen der Schweiz und Frankreich. Auch das groteske Leben auf dem Hof von Ludwig XVI. schildert Capus in deftiger, auch olfaktorischer Plastizität. Und der völlig von sozialen Realitäten abgekoppelte Bauernhof von Ludwigs Schwester erinnert an heutige künstliche Welten in Games oder Realityshows.

Rahmenhandlung mit heutigem Parallelpaar

Von allem möchte man mehr lesen. Doch es ist eher schlanke Kost, die Capus auf 180 Seiten bietet. Zumal ein Teil davon auf eine Rahmenhandlung entfällt. Dort sitzt ein von einem Schneesturm überraschtes älteres Paar im Auto fest, worauf er ihr zum Zeitvertreib die Geschichte von Jakob und Marie erzählt. Was sie gerne mit zickigen Fragen unterbricht. Daraus entstehen längere Dialoge auch über das Thema Wahrheit und Fiktion, die zunächst witzig sind und mit der Zeit ein gewisses Nervpotenzial haben. Natürlich gibt es subtile Parallelen zwischen beiden Paaren, wobei das heutige auch dafür steht, wie sich eine Beziehung in Jahrzehnten entwickeln kann.

Die Geschichte von Jakob und Marie aber ist wie gekonnt zubereitete Nouvelle Cuisine. Sehr lecker, aber um richtig satt zu werden, hätte man auch eine noch etwas grössere Portion vertragen.

Alex Capus: Königskinder. Hanser, 180 S., Fr. 25.-.