Cannes und die Giesskanne

Nach einem durchzogenen Wettbewerb kürte die Jury mit den Coen-Brüdern an der Spitze die Gewinner. Fast die Hälfte der Filme wurde dabei mit einem Preis bedacht.

Doris Senn
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Der französische Film «Dheepan» von Jacques Audiard gewann in Cannes die Goldene Palme. (Bild: epa/Why Not Productions/Cannes Film Festival)

Der französische Film «Dheepan» von Jacques Audiard gewann in Cannes die Goldene Palme. (Bild: epa/Why Not Productions/Cannes Film Festival)

Im zweiten Teil des Festivals von Cannes dominierte Frankreich, das nicht weniger als fünf Filme zum Wettbewerb beisteuerte – und dafür drei der Auszeichnungen einheimste. Das Immigrantendrama «Dheepan» des Franzosen Jacques Audiard als Gewinner der diesjährigen Goldenen Palme überraschte wohl die meisten.

Und doch gab die Geschichte dem Wettbewerb zu einem Zeitpunkt Auftrieb, als dieser unter wenig tiefschürfenden Stories, viel aufgebotenen Stars und überbordenden formalen Spielereien abzutauchen drohte. Audiard erzählt von den kleinen und grossen Hürden im Alltag einer tamilischen Flüchtlingsfamilie, die in der Pariser Banlieue zwischen die Fronten von Drogendealern gerät: eine Geschichte von Belang – und das mit Darstellern, die zum ersten Mal vor der Kamera standen. Damit verwies «Deephan» den grossartigen Débutfilm des ungarischen László Nemes, «Saul fia», auf den zweiten Platz. Dessen eindringliches Werk über den Gewissenskonflikt eines jüdischen Arbeiters im KZ erhielt aber immerhin den Grossen Preis.

Amour fou und Starvehikel

Mit «La loi du marché» und seinem prämierten Hauptdarsteller Vincent Lindon stand noch ein engagierter Film im Scheinwerferlicht: Stéphane Brizé zeichnet darin unprätentiös die Situation eines über 50jährigen Arbeitslosen in Frankreich – von Bewerbungsgesprächen per Skype bis zu demoralisierenden Feedbackrunden im Schoss des RAV. Lindon spielt meisterhaft – und als einziger Profidarsteller – die Hauptfigur Thierry, der sich als Detektiv im Warenhaus wiederfindet, wo er auch die Kolleginnen observieren soll…

Nicht zu überzeugen vermochten die anderen Titel, die unter französischer Fahne segelten. So etwa Maïwenn mit «Mon roi» über eine Amour fou zwischen einem Ultramacho – Vincent Cassel in seiner Paraderolle – und einer ihm heillos verfallenen Tony, die von Emmanuelle Bercot (gleichzeitig Regisseurin des Eröffnungsfilms) gespielt wurde. Valérie Donzelli verfilmte mit «Marguerite & Julien» eine leidenschaftliche Liebe zwischen Geschwistern im 16. Jahrhundert, um die Adaption unter viel Schnörkeln zu begraben.

«Valley of Love» schliesslich zeigt das Scheitern eines Starvehikels: Guillaume Nicloux führte Isabelle Huppert und Gérard Depardieu 35 Jahre nach «Loulou» wieder in einem Film zusammen – und liess sie im Death Valley nach ihrem Sohn suchen, der vor seinem Selbstmord angekündigt hatte, sich dort «zu zeigen». Peinliche Dialoge um eine zweifelhaft «spirituelle» Geschichte vor grossartiger Szenographie.

Die Entscheidungen der Jury

Nicht weniger als acht der 19 Filme wurden von der Jury bedacht. So erhielt das verworren-stilisierte Martial-Arts-Drama «The Assassin» des taiwanischen Hou Hsiao-Hsien («Le ballon rouge», 2007) für seine Aneinanderreihung von Vignetten nicht nachvollziehbar den Preis für die beste Regie.

Der Grieche Yorgos Lanthimos bekam für seine Anti-Utopie «The Lobster» über das Singledasein den Preis der Jury, während «Chronic» – ein Drama aus Mexiko über unheilbar Kranke und ihren Pfleger, gespielt von Tim Roth – vom mexikanischen Nachwuchsregisseur Michel Franco für das Drehbuch prämiert wurde.

Leer gingen Paolo Sorrentino («La grande bellezza») und sein «Youth» aus: Altherrenkino, in dem Michael Caine als Komponist und Harvey Keitel als Regisseur über Grandezza und Vergänglichkeit schwadronieren – vor der zweifellos imposanten Kulisse der Bündner Berge und des Flimser Hotels Waldhaus, wo der Film gedreht wurde. Aber auch Nanni Moretti mit «Mia madre» blieb ungekürt, ebenso der als Palmen-Anwärter gehypte Todd Haynes mit «Carol», wobei dessen Hauptdarstellerin Rooney Mara immerhin den Darstellerinnenpreis erhielt (ex aequo Emmanuelle Bercot in «Mon roi»).