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Cannes poliert sein Image auf: Stillzimmer statt High Heels

Die Filmfestspiele von Cannes haben eine Lösung für ihr oft kritisiertes Frauenproblem gefunden. Angeblich.
Regina Grüter, Cannes
Der legendäre Marsch für mehr Frauen in der Filmindustrie: Hier auf dem Bild sind (v.l.) Lea Seydoux, Khadja Nin, Ava DuVernay, Cate Blanchett, Agnès Varda und Celine Sciamma. Insgesamt 80 Frauen protestierten im vergangenen Jahr in Cannes. (Bild: Andreas Rentz/Getty, Cannes, 12. Mai 2018)

Der legendäre Marsch für mehr Frauen in der Filmindustrie: Hier auf dem Bild sind (v.l.) Lea Seydoux, Khadja Nin, Ava DuVernay, Cate Blanchett, Agnès Varda und Celine Sciamma. Insgesamt 80 Frauen protestierten im vergangenen Jahr in Cannes. (Bild: Andreas Rentz/Getty, Cannes, 12. Mai 2018)

Das Bild ist immer noch in den Köpfen. Cannes-Jurypräsidentin Cate Blanchett hat den Arm um Agnès Varda gelegt. Zusammen mit 80 Kolleginnen, einander eingehängt oder an der Hand haltend, marschieren sie die Stufen des Kinopalasts in Cannes hoch, um gegen die Untervertretung von Frauen in der Filmindustrie zu protestieren. Zwei Tage später hat Festivaldirektor Thierry Frémaux die Charta der Gruppierung 5050x2020 unterschrieben. Schwesternorganisationen in den USA und Grossbritannien (Time’s Up), Italien, Spanien und Griechenland unterstützen die Forderung nach einer Balance der Geschlechter bis zum Jahr 2020.

Frémaux hat sich damit dazu verpflichtet, Statistiken zu erstellen, wie viele Filme von Frauen und wie viele von Männern eingereicht wurden. Weiter soll transparent gemacht werden, wer die Filme auswählt. Das langfristige Ziel: Es soll Parität in allen Entscheidungsgremien herrschen. Das Filmfestival Venedig ist im August 2018 nachgezogen, die Berlinale diesen Februar.

20-Prozent-Marke noch nie überschritten

Ein Jahr später stellt sich die Frage, hat Cannes geliefert? In der Tat traf am Montag, ein Tag vor Beginn, eine Medienmitteilung mit Zahlen ein, was zeigt, dass das Festival gewillt ist, seine Verpflichtungen einzuhalten: Das Cannes-Organisationsteam 2019 hat einen Frauenanteil von 48 Prozent; das Auswahlkomitee besteht aus je vier Frauen und Männern; bei der Besetzung der verschiedenen Jurypräsidien wurde auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet. Interessant sind die Zahlen, wie viele Filme von Frauen eingereicht wurden und die Cannes erstmals erhoben hat: 26 Prozent im Bereich Langfilme, 32 Prozent bei den Kurz- und 44 Prozent bei den Abschlussfilmen von Filmschulen. Bei 19 von den insgesamt 69 Filmen in der offiziellen Auswahl hat eine Frau Regie geführt, das sind 27,5 Prozent.

Eine eben erschienene vergleichende Studie von 5050x2020 belegt, dass der Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb seit Beginn der Festivalgeschichte im Jahr 1946, obwohl ansteigend, die 20-Prozent-Marke noch nie überschritten hat. Das ist auch heuer nicht der Fall. Vier Regisseurinnen und 17 Regisseure sind im Wettbewerb, das macht 19 Prozent.

Die Regisseurin Mati Diop ist mit ihrem Debütfilm Atlantique im Wettbewerb von Cannes. (Bild: Andreas Rentz/Getty)

Die Regisseurin Mati Diop ist mit ihrem Debütfilm Atlantique im Wettbewerb von Cannes. (Bild: Andreas Rentz/Getty)

Mati Diop ist die erste schwarze Regisseurin, die mit ihrem Débutfilm «Atlantique» im Wettbewerb ist und damit gleich auch noch um die Goldene Kamera konkurriert. Die Frauenfrage lässt ein bisschen vergessen, dass es in der 5050x2020-Charta auch um Vielfalt geht. Die 36-jährige Pariserin, Tochter einer Französin und eines Senegalesen, hat sich selber gefragt, inwiefern ihr Geschlecht bei der Auswahl eine Rolle gespielt habe, wie sie dem «Hollywood Reporter» berichtete. Dass ihre Hautfarbe auch ein Faktor gewesen sein könnte, dessen sei sie sich nicht einmal bewusst gewesen:

«In Frankreich werde ich in erster Linie als Französin betrachtet und nicht als Schwarze.»

Stillzimmer im Kinopalast

Imagepflege oder nicht, Cannes hat etwas getan. Auch wurde im Palais auf Klage von weiblichen Teilnehmern ein Bereich eingerichtet, wo Mütter ihre Kinder stillen können. Letztes Jahr mussten sie dafür noch in den nahen Park ausweichen. Für ein Festival, das man oft mit Jachtpartys voller Prostituierter assoziiere und das 2015 für den roten Teppich High Heels vorschrieb, sei das ein merklicher Wandel, schreibt der «Hollywood Reporter». Eine wesentliche Forderung aber hätten die Cannes-Verantwortlichen noch nicht erfüllt: Daten zur Demografie von Filmschaffenden und Festivalhauptverantwortlichen zu erheben und transparent zu machen.

Filmfestivals seien die letzte Station einer Reise, die an den Filmschulen beginnt, wiederholte Frémaux im April. Damit hat er irgendwie ja schon recht. Doch ist an grossen Filmschulen wie den Universitäten von New York und Southern California schon knapp die Hälfte der Studentenschaft weiblich. Der Anteil von Filmen, die von Frauen eingereicht werden, wird also immer mehr gegen die 50-Prozent-Marke tendieren, irgendwann auch bei den Langfilmen. Frémaux muss garantieren, dass sich das dann auch in der Auswahl widerspiegelt. Damit ist aber noch nichts darüber gesagt, dass Filmemacherinnen oft grössere Hürden zu überwinden haben. Schauspielerin Tilda Swinton bemerkte:

«Sie bekommen sie vielfach nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie Männer.»

5050x2020 wird in Cannes wieder einen Event organisieren, wo die diesjährige Ausgabe analysiert wird und neue Ziele formuliert werden. «Wir werden sehen, was passiert», sagt Thierry Frémaux.

Petition gegen Auszeichnung von Delon

Der Festivaldirektor hat derweil noch ein Problem. Französische Medien berichteten von einer Onlinepetition, die sich gegen die Auszeichnung von Alain Delon mit der goldenen Ehrenpalme richtet. Der französische Schauspieler hatte mit unrühmlichen Fernsehauftritten auf sich aufmerksam gemacht, wo er eine gewisse Nähe zum Front National nahelegte, Schwulsein als unnatürlich bezeichnete und sich selber als Macho – wenn eine Frau zu ohrfeigen bedeute, ein Macho zu sein. Frémaux konterte die Empörung mit dem Recht auf Meinungsfreiheit und das hohe Alter Delons.

Alles eine Frage der Generation? Damit mag es jeder halten, wie er will. Der heute 83-Jährige wurde 2012 auch in Locarno unter Direktor Olivier Père mit dem Ehrenpreis gefeiert. Man darf ihn persönlich für ein Ekel halten, ein grossartiger Schauspieler war er allemal. Aber, um mit Tilda Swinton zu sprechen, es gibt ebenso viele aussergewöhnliche Schauspielerinnen, die man an seiner Stelle hätte auszeichnen können. Kaum einer steht so für die französische Machokultur wie Alain Delon. Und schon ist die Imagepflege dahin.

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