Bunny Rogers schaufelt sich im Kunsthaus Bregenz das eigene Grab

Die Amerikanerin inszeniert eine Ausstellung über die Trauer – bildstark, kitschig und sehr selbstbezogen.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Opulentes Gedenken: Der über und über mit Rosen bedeckte Grabhügel.

Opulentes Gedenken: Der über und über mit Rosen bedeckte Grabhügel.

Bild: Markus Tretter

Es riecht nach Begräbnis. Schwerer, süsslicher Rosenduft liegt in der Luft. Er stammt von dutzenden Sträussen, Kränzen und Gestecken, die um den Grabhügel der Künstlerin Bunny Rogers im Erdgeschoss des Kunsthauses Bregenz drapiert sind – eine olfaktorische Zumutung. Das Licht ist gedämpft, auf dem Boden wurde echter Rasen verlegt, der betreten werden darf. Neben dem Grab steht eine Gedenktafel mit dem rosenumrankten Porträt der Künstlerin.

Bunny Rogers.

Bunny Rogers.

Bild: Rudolf Sagmeister

Doch keine Angst, Rogers lebt noch. Sie hat sich für ihre Soloschau ihr eigenes Grab geschaufelt – sehr opulent, sehr amerikanisch. Die 30-Jährige steht offen zu ihren Depressionen. Und wie die in die Realität umgesetzte Fantasie eines depressiven Teenagers sieht das Environment auch aus. Rogers, sehr dünn, mit Haaren bis zur Taille, tritt an der Pressekonferenz im ultrakurzen Minikleid auf. Mit zerbrechlicher Stimme gibt sie Auskunft über ihre vor Ort entstandene, speziell für Bregenz konzipierte Schau. Eine sommerliche, romantische Beerdigung habe sie sich vorgestellt. Sie liebe Friedhöfe, Gedenkorte und Gräber: «Ich habe eine ungewöhnliche Faszination für den Tod und das Sterben.»

Wie wahr! Denn ein Stockwerk höher gibt es ein weiteres Grab, ebenfalls von echtem Rasen umgeben. Nur, dass der Grabhügel diesmal aus aufgeschichteten und teilweise aufgeplatzten Abfallsäcken besteht. Der Kontrast zum unteren Geschoss könnte nicht grösser sein. Doch auch hier liegt ein süsslicher Geruch in der Luft, der einem fast den Atem nimmt. Er stammt diesmal nicht von Blumen, sondern von Alkoholresten, die sich über den Rasen ergossen haben. Überhaupt legt dieser Zeugnis ab von einer ausufernden Party: Kuchenresten, Becher, Dosen, vertrocknete Blumen und Schnapsflaschen sind darauf verstreut. Ist es eine Trauerfeier, die aus dem Ruder gelaufen ist? Zuviel Alkohol, der geflossen ist, um die Trauer zu betäuben?

Ein Grab aus Abfallsäcken: «Trash Mound» von Bunny Rogers.

Ein Grab aus Abfallsäcken: «Trash Mound» von Bunny Rogers.

Bild: Markus Tretter

Die Inszenierung drückt für Bunny Rogers auch die Wut aus, die mit einem Verlust verbunden ist. Auf der Wiese gibt es Reminiszenzen an kollektive Trauererfahrungen, welche für Rogers die erste Begegnung mit dem Tod bedeuteten. Eine Zeitschriftenseite über Lady Di etwa. Als Diana 1997 starb, war die Künstlerin sieben Jahre alt. Im selben Jahr kam auch der Film «Titanic» mit dem Titelsong Céline Dions in die Kinos. Eine CD erinnert daran.

Duschen im Kunstmuseum

Duschen zur Reinigung von der Trauer im obersten Geschoss des Kunsthauses Bregenz.

Duschen zur Reinigung von der Trauer im obersten Geschoss des Kunsthauses Bregenz.

Bild: Markus Tretter

Im zweiten Stock finden sich in Beton eingegossene Rosen, Metaphern für die Versteinerung, die Teil des Trauerprozesses ist. Sie sind im Kreis angeordnet – Platzhalter für liebe Verstorbene? Mit Samtbändern dekorierte Absperrgitter verweisen auf massenhaft begangene Trauerbekundungen. Im obersten Geschoss schliesslich geht es um die Reinigung von der Trauer, das Loslassen. Wände und Boden sind geplättelt, Wasserdampf liegt in der Luft, aus Duschköpfen tröpfelt Wasser. Die Trauer geht auch wieder vorbei, lautet die Botschaft. «Meine Schau vermittelt einen gewissen Optimismus», sagt Rogers. Darauf verweist auch deren Titel «Kind Kingdom» – freundliches Königreich. Jedes der Stockwerke steht laut Rogers für eine Phase der Trauer. Dafür entwirft sie starke, ja plakative Bilder. Trotzdem bleibt sie mit ihrer sehr selbstbezogenen Ausstellung an der Oberfläche, wird der Komplexität von Trauer nicht gerecht.

Bunny Rogers, Kunsthaus Bregenz, bis 13.4.