Bundesrat und Aromat

Zehn Jahre steht das Trio Heinz de Specht schon auf der Bühne. Es feiert das Jubiläum mit einer «Party», so der Titel des neuen Programms. Wiederum besingen die Spechte präzis den Alltag, und musikalisch sind sie besser denn je.

Roger Berhalter
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Roman Riklin, Daniel Schaub und Christian Weiss (von links) erzeugen selbst mit nüchternen Liedzeilen Gänsehaut. (Bild: Urs Bucher)

Roman Riklin, Daniel Schaub und Christian Weiss (von links) erzeugen selbst mit nüchternen Liedzeilen Gänsehaut. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Es gibt sie noch, zum Glück. «Mir sind no da», singen Heinz de Specht gut gelaunt im ersten Song – nachdem sie all die verstorbenen Rockstars von Jimi Hendrix bis Amy Winehouse aufgezählt haben. Roman Riklin, Daniel Schaub und Christian Weiss klingen so lebendig wie noch nie. Seit zehn Jahren touren sie unter dem Namen Heinz de Specht durchs Land. Zum Bühnenjubiläum feiern die drei Multiinstrumentalisten und Kabarettisten nun eine «Party», so der Titel ihres vierten Programms, das sie diese Woche in der (fünfmal ausverkauften) St. Galler Kellerbühne zeigen.

Bitte nicht auf den Audi

Schon in den ersten Minuten dieses Dienstagabends machen Heinz de Specht klar, dass sie mittlerweile zu den gewieftesten Liedermachern des Landes zählen. Sie wechseln munter die Instrumente, überbrücken souverän die Pausen zwischen den Songs, und sie kaschieren makabre Texte mit launigen Refrains. Wie in «Spring nöd», einer schunkelnden Reggae-Nummer, in der ein Selbstmörder gebeten wird, doch bitte nicht vom Dach zu springen – weil unten der neue Audi stehe. Ähnlich rabenschwarz ist der Humor des Trios, wenn Christian Weiss von einem im Rhein verlorenen Feuerzeug singt und der Zuhörer allmählich begreift, dass es hier nicht (nur) um den Verlust eines Gegenstands geht, sondern um Diebstahl und Totschlag.

Bürgerkrieg im Spülbecken

Wiederum erweisen sich Heinz de Specht als präzise Beobachter des helvetischen Alltags. Sie singen eine Hymne auf die Dorfbeiz, wo das Maggi-Fläschchen noch seinen festen Platz hat. Sie sinnieren über den sinkenden Fruchtanteil in der Traubenkonfitüre und nehmen dies als Metapher für schwindende Leidenschaft. Am besten sind Heinz de Specht dann, wenn sie grosse Themen mit den Banalitäten des Alltags verbinden. Dann reimt sich Bundesrat auf Aromat, und der Bürgerkrieg in der Türkei kollidiert mit den Nudelresten im Spülbecken.

Lieber Applaus als Palästina

Das allzu Politische umschiffen Heinz de Specht aber elegant. «Was gaht eus Palästina a, solang mir din Applaus chönd ha?» fragen sie (hoffentlich ironisch) in einer A-cappella-Einlage vor der Pause. Nur einmal, im Lied «Familieschlittle am Brändlisberg», muss der Zuhörer leer schlucken. Hier verweben Heinz de Specht geschickt drei Schauplätze von Thun bis Damaskus, singen gleichzeitig vom sonntäglichen Schlittelplausch und von der Effizienz von Schweizer Splitterhandgranaten. Im unmittelbar darauffolgenden Lied verbreiten die drei aber gleich wieder gute Laune: «Au en tüüfere Sinn wird sich dir nöd erschlüsse. Chasch hindere lehne und eifach gnüsse.»

«Tatüü, tataa»

A propos geniessen: Musikalisch sind Heinz de Specht besser denn je. Sie können mit so nüchternen Worten wie «Älplermagrone und Wurst-Chäs-Salat» Gänsehaut erzeugen. Das Instrumentarium reicht mittlerweile von Gitarren und Keyboards über Akkordeon und Mundharmonika bis Glockenspiel und Cello, und in den Liedern wimmelt es von raffinierten Details. Wenn es im Text zum Beispiel um den nahenden Krankenwagen geht, wechselt das Begleitchörli plötzlich zu «Tatüü, tataa».

Weitere Vorstellungen: 3.–7.11., Kellerbühne, St. Gallen