BÜHNE: Unbehauste Kindheit

Paul Ilgs mehrteilige Autobiographie ist nach hundert Jahren wieder verfügbar. Eine Inszenierung fasst ­ die Kindheit aus «Das Menschlein Matthias» als einfühlsames Kammerspiel zusammen.

Dieter Langhart
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Mutter und Sohn: Esther Leiggener und Oliver Daume in «Das Menschlein Matthias». (Bild: Severin Nowacki/Theater an der Effingerstrasse)

Mutter und Sohn: Esther Leiggener und Oliver Daume in «Das Menschlein Matthias». (Bild: Severin Nowacki/Theater an der Effingerstrasse)

Dieter Langhart

dieter.langhart

@tgblatt.ch

Der Bub ist verzweifelt. Er kratzt mit einem Messer das Unkraut zwischen den Pflastersteinen vor der «Einkehr zum Gupf» heraus, da oben am stotzigen Hang. «Das gemeine, mühselige Geschäft» macht ihn fuchsteufelswild. Hinter ihm lauert die Basgotte und droht mit Schlägen, weit unter ihm liegt Treustadt. Da arbeitet seine Mutter, da wäre er geborgen, da würde er geliebt. Und da lebt auch sein Vater.

Matthias heisst der Verdingbub. Seine Mutter arbeitet in einer Stickerei in der Stadt (gemeint ist Rorschach), muss ihn gegen einen Kostbatzen zu ihrer Schwester ins Appenzellische in Obhut geben, kann ihn nur sonntags besuchen und umarmen. Dann ist er glücklich. Sie hat damals Matthias’ Vater abgewiesen, nun wirbt ein Dessinateur um sie. Der Bub entflieht der Drangsal auf dem Gupf, darf zur Mutter. Und erkennt unten am See seinen leiblichen Vater.

Von szenischen Collagen zu Theaterstücken

Mit dem «Menschlein Matthias» hat sich der 1875 in Salen­stein geborene Paul Ilg seine eigene Kindheit aus dem Leibe geschrieben, hat in zwei weiteren Romanen seine Autobiographie vervollständigt, auch wenn er dem Protagonisten jeweils andere Namen gab. Alle Bände sind längst vergriffen, doch der Literaturhistoriker und Publizist Charles Linsmayer hat Paul Ilgs Tetralogie für die wichtige Reihe Reprinted by Huber wieder zugänglich gemacht und wie gewohnt mit einem ausführlichen biographischen Nachwort ergänzt.

Schon frühere Ausgaben der Reihe hat Linsmayer als szenische Collagen aus Texten, Bildern und Filmausschnitten bekannt gemacht statt an reinen Lesungen. Ende 2013 ging er einen Schritt weiter und engagierte Markus Keller, den Leiter des Theaters an der Effingerstrasse in Bern. Keller inszenierte Otto Freis Steckborner Pentalogie «Bis sich Nacht in die Augen senkt» (Reprinted by Huber 30), den Kampf zwischen Sohn und autoritärem Vater, als Theaterstück, das nach der Berner Premiere in Gottlieben und Steckborn zu sehen war.

Auch «Das Menschlein Matthias» trägt diese klare Handschrift, auch diesmal war die Premiere in Bern. Im Publikum auch Röbi Rapp, der 1941 den Mat­thias in Edmund Heubergers Verfilmung gespielt hat, ebenso Simonetta Sommaruga und Lukas Hartmann. Acht Vorstellungen sind angesetzt – die Hälfte in der Ostschweiz.

Sehnsucht nach ­Geborgenheit und Liebe

Markus Keller hat aus der 150 Seiten langen Erzählung die wesentlichen Stationen auf dem Weg des geschundenen Bubs extrahiert. Zwei Darsteller schlüpfen in ein halbes Dutzend Rollen, spielen die Geschichte auf der Bühne, die fast so schief ist wie der Hang unterhalb des Gupfs. Die Geschichte einer unbehausten Kindheit, der Sehnsucht nach Geborgenheit, der unstillbaren Suche nach Liebe.

Hautnah, fast intim wirken die Szenen und erklärenden Einschübe für das Publikum. Karg ist das Bühnenbild mit nichts als einem Paravent: links See und Hafen, rechts die Churfirsten, dazwischen ein Fenster, aus dem die Basgotte Kostbub Matthias anschreit, unter dem ihre Tochter Mareili Matthias Trost zuspricht. Und hinter dem sich Esther Leiggener und Oliver Daume flugs umziehen: Nachthemd gegen Arbeitskleid oder modischen Mantel tauschen, kurze Hose gegen Jacket und Hut.

Oliver Daume, der schon bei Otto Frei den Buben gespielt hat, stammt aus Herisau – die nächste Vorstellung ist ein Heimspiel.