BÜHNE: Tanz mit den sieben Todsünden

Wie tanzt sich Hochmut, Wollust oder Fresssucht? Mit dieser Frage befasst sich das neue Tanzstück des Theaters St. Gallen. In «Sieben» inszenieren Nachwuchschoreografen die Hauptlaster des Menschen.

Nina Rudnicki
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Öffentliche Probe in der Lokremise: Die einzelnen Stücke haben nichts miteinander zu tun, bilden aber dennoch gemeinsam etwas Ganzes. (Bild: Sabrina Stübi)

Öffentliche Probe in der Lokremise: Die einzelnen Stücke haben nichts miteinander zu tun, bilden aber dennoch gemeinsam etwas Ganzes. (Bild: Sabrina Stübi)

Nina Rudnicki

«Ist Hochmut heute noch eine Sünde?», fragt die Choreografin Caroline Beach während der ­öffentlichen Probe des neuen Stücks «Sieben» des Theaters St. Gallen in der Lokremise. Die Antwort liefert sie gleich selbst: «Für junge Personen und Künstler, die sich ständig beweisen und auf Social Media präsent sein müssen, ist Hochmut keine Sünde mehr, sondern Normalität.» Dann reicht sie zwei Tänzern Selfie-Sticks. Die Smartphones sind in der Halterung eingespannt, aber noch ausgeschaltet. An der Uraufführung am kommenden Donnerstag werden sie den Tanz dann allerdings live ins Internet streamen. Musik dröhnt wie Donnergrollen aus den Boxen, die Tänzer schreiten mit ihren Selfie-Sticks über die Bühne, knien ­nieder, verbeugen sich vor den Smartphones. Die ersten Szenen wirken, als ob eine Zeremonie ­gefeiert oder ein Kult begangen wird. «Ist das Hochmut?», fragt Caroline Beach. «Als Theatergäste haben Sie sich Tickets gekauft. Aber wir tanzen nicht für Sie, sondern für das Internet.»

«Eine gute Chance, um ihre Karriere starten zu können»

«Hochmut» ist eine von sieben Choreografien, aus denen sich das Stück «Sieben» zusammensetzt. Die übrigen Choreografien tragen die Namen Trägheit, Wollust, Fresssucht, Jähzorn, Neid, Geiz. Zusammen ergeben sie die Todsünden. «Die einzelnen Stücke haben nichts miteinander zu tun, bilden aber dennoch gemeinsam etwas Ganzes», sagt Beate Vollack, Leiterin der Tanzkompanie. Vor zwei Jahren hatte sie die Idee für die Produktion. Das Besondere an «Sieben» ist, dass es als Wettbewerb ausgeschrieben wurde. 38 Nachwuchschoreografen aus ganz Europa bewarben sich. Eine Jury wählte die besten Konzepte aus. Die Gewinner bekamen damit die Gelegenheit, ihre eigenen Kreationen mit der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen unter professionellen Bedingungen zu realisieren. «Für die Nachwuchschoreografen ist das eine wichtige Referenz und gute Chance, um ihre Karriere starten zu können», sagt Beate Vollack.

Auf der Bühne hat mittlerweile der Choreograf Malcolm Sutherland die Probe übernommen. Sein Stück thematisiert den Geiz. Den Tänzern bleibt kaum Zeit, sich auszuruhen. Eben haben sie sich noch wie Marionetten von peitschender Musik und der Alltagshektik als Social-Media-Star über die Bühne treiben lassen. Bei Sutherland geht es nun darum, die Dynamik in einer Gruppe darzustellen, die niemals endet. Einzelne Tänzer werden von der Gruppe angesogen und wieder ausgestossen. Hände klatschen und grapschen an Körpern, mal bewegt sich die Gruppe blitzschnell, mal erstarrt sie. «Mein Stück thematisiert mehr als Geld. Es handelt von materiellen Dingen und von der Suche nach etwas, das sich niemals erreichen lässt», sagt Sutherland.

Jeweils eine Woche Zeit, um das Stück einzuüben

Acht bis zwölf Minuten dauert jedes Stück. Eine Woche hatte jeder Choreograf Zeit, seine Kreation mit den Tänzern einzuüben. «In den vergangenen zwei Monaten wurden unsere Tänzer also ­ziemlich stark an ihre Grenzen ­geführt. Die Stücke sind in ihrer Choreografie sehr unterschiedlich», sagt Beate Vollack. Für die Zuschauer bedeutet das ein gut einstündiges Ereignis und die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Bedeutung die sieben Todsünden heute überhaupt noch haben. Benannt wurden die Todsünden erstmals in der Spätantike und im 6. Jahrhundert schliesslich von Papst Gregor I. als religiöses Regelwerk festgelegt. Passend dazu hängt von der Decke der Lokremise das Gerippe eines Reifrockes. Unter diesem spielen sich alle Todsünden ab. Die Tänzer tragen in jeder Choreografie dasselbe Grundkostüm, allerdings hat dieses jedes Mal eine andere Grundfarbe. So wird Geiz zu Gelb und Wollust zu Hautfarben.

Hinweis

Sieben – Choreografenwettbewerb zum Thema «Die sieben Todsünden», Premiere Donnerstag, 12. April 2018, 20 Uhr, Lokremise St. Gallen