Bühne
Jakob Wirsch: Ein Professor, Literat und Lebenskünstler

Der Stanser Jakob Wyrsch war angesehener Psychiatrieprofessor und gewiefter Essayist. Nun bekommt er auf der Bühne nochmals das Wort. Eine entsprechende szenisch-musikalische Lesung hatte in Stans Premiere und geht im Januar auf Zentralschweizer Tournee.

Romano Cuonz
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Sie rufen den berühmten Nidwaldner Wissenschafter Jakob Wyrsch in Erinnerung: Aaron Hitz, Joachim Flüeler und Walter Sigi Arnold (von links).

Sie rufen den berühmten Nidwaldner Wissenschafter Jakob Wyrsch in Erinnerung: Aaron Hitz, Joachim Flüeler und Walter Sigi Arnold (von links).

Bild: Romano Cuonz (Stans, 9. November 2021)

«Jakob Wyrsch irritierte uns, der Eloquente, Gesprächige und Schreibfreudige war gleichzeitig nie ganz durchschaubar», erinnert sich Literaturprofessor Peter von Matt an seinen berühmten Nidwaldner Mitbürger. Wyrsch habe breit publiziert als Forscher und sei doch immer ein Essayist gewesen. Eine sehr zutreffende Aussage über den Stanser Wissenschafter und Psychiater, der von 1892 bis 1980 gelebt hat. Doch Wyrsch war auch ein Lebenskünstler. Brachte es fertig, in Bern oder Madrid Vorlesungen auf Deutsch oder Spanisch zu halten und trotzdem stets in der Nidwaldner Kulturszene verwurzelt zu bleiben.

Auf diese Persönlichkeit lassen sich die Historikerin und Dramaturgin Brigitt Flüeler und Regisseur Buschi Luginbühl ein. Flüeler sagt: «Mich faszinierte die unglaubliche Menschenliebe dieses Mannes, er sonderte psychisch Kranke nicht ab, er sah sie stets als Teil der Gesellschaft.» Und Luginbühl hält fest:

«Jakob Wyrsch war Teil der Stanser Kulturszene, ein Freund von Hans und Annemarie von Matt, mit denen er turbulente Atelierfeste feierte.»

Gemeinsam beschliessen Flüeler und Luginbühl: Jakob Wyrsch soll in einer szenisch musikalischen Lesung wieder aufleben. Ihre Stimmen leihen ihm dabei die Schauspieler Aaron Hitz und Walter Sigi Arnold. Musikalisch nähern sich ihm die Songwriterin Yumi Ito und der Cellist Joachim Flüeler. Ins projizierte Bild schliesslich setzt ihn Thomas Küng. Eine Multimediageschichte!

Der Event startet im Stanser Chäslager und tourt dann durch die Innerschweiz. Sein Titel: «Reisen mit Santiago». Santiago war das Pseudonym, mit dem Jakob Wyrsch sämtliche privaten Briefe – auch die an seine Nichten und Neffen – unterschrieb.

Tagebücher und Fotoalben

Im Staatsarchiv Nidwalden finden sich im Nachlass von Jakob Wyrsch auch Hefte, in die der Psychiater von 1908 bis 1941, in schlecht leserlicher Schrift, Tagebuchnotizen schrieb. «Ich ackerte mich durch die unglaublich lebendigen Quellentexte, die zuvor kaum jemand gelesen hatte», erzählt Brigitt Flüeler. Buschi Luginbühl stiess im Archiv auf zahlreiche Fotoalben. Und er verspricht: «Neben Worten sorgen wir mit 86 Bildern für einen Einblick ins Leben von Jakob Wyrsch.»

Aufhorchen lässt allein schon die Erzählung über die Abstammung des Nidwaldner Psychiaters. Sein Urgrossvater, der sogenannte «Borneo Louis», diente als Kommandant für holländische Kolonialherren im Fernen Osten. Seine Urgrossmutter war dessen indigene Haushälterin Ibu Silla. Sie gebar ihm fünf Kinder, durfte jedoch nie mit in die Schweiz kommen. Ein Sohn von ihr – Jakob Wyrschs Grossvater – war die erste «person of color» im Schweizer Parlament. Eine Geschichte für sich.

Ein Grosser der Psychiatrie

Ibu Sillas Urenkel, Jakob Wyrsch, studierte in Zürich Medizin. Zunächst arbeitete er in verschiedenen Arztpraxen. 1920 wurde er Assistenzarzt beim bekannten Eugen Bleuler an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli. Als er sich später für eine Oberarztstelle in der psychiatrischen Anstalt St. Urban bewarb, war seine Wahl so gut wie sicher. Nun begegnete Wyrsch auch seiner späteren Ehefrau Margarita Schneider. «Sie war eine in Madrid geborene Auslandschweizerin, die wie er Medizin studiert hatte», erzählt Brigitt Flüeler. Deshalb sei Spanien für Jakob Wyrsch zur zweiten Heimat geworden. Spanisch habe er wie Deutsch beherrscht. 1934 wechselte Wyrsch an die psychiatrische Klinik Waldau in Bern.

Jetzt war er ein international bekannter Schizophrenieforscher mit einem Lehrstuhl an der Universität Bern. Man sitzt in den alten Polsterstühlen des Stanser Chäslagers. Begegnet in authentischen Texten einem der grossen alten Männer der schweizerischen Psychiatrie. In einer Zeit, als diese noch weltweiten Ruhm erntete. Spannend wird es, wenn das Ensemble die Zeit nach 1952 aufleben lässt. Damals kehrte Jakob Wyrsch mit seiner Frau nach Stans zurück. Ab jetzt war er Teil der lebendigen Kunst- und Kulturszene der Innerschweiz. Für sein schriftstellerisches Werk erhielt der Nidwaldner 1961 den Innerschweizer Kulturpreis und zweimal den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung.

Premiere hatte «Reisen mit Santiago» am 12. November im Chäslager Stans. Weitere Vorstellungen finden am 20. und 21. November statt. Der Verein Kunststück geht mit dem Stück auf Tournee: 5. Januar 2022, Theater Pavillon Luzern; 7. Januar, Theater Altes Gymnasium Sarnen; und 8. Januar, Kleinbühne Chupferturm Schwyz.