BÜHNE: Die Welt steht Kopf

Mark Zurmühle weiss, die Menschenfänger haben Konjunktur. Er inszeniert Raoul Schrotts Neudichtung von Euripides’ «Bakchen» am Theater Konstanz und verlässt sich ganz auf eindringliche Bilder.

Dieter Langhart
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Pentheus (Arlen Konietz) packt Dionysos (Peter Posniak), dahinter Ino (Jana Alexia Rödiger) und Agaue (Sylvana Schneider). (Bild: Ilja Mess)

Pentheus (Arlen Konietz) packt Dionysos (Peter Posniak), dahinter Ino (Jana Alexia Rödiger) und Agaue (Sylvana Schneider). (Bild: Ilja Mess)

Dieter Langhart

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@tagblatt.ch

Dieses Bild brennt sich ein: Eine Mutter trauert um ihren Sohn, hält ihn im Arm, sein Blick ist stumpf. In ihrer Trance und Raserei hat sie ihn für einen Luchs gehalten und gejagt und in Stücke gerissen. Dann tritt ein Bote an den Bühnenrand und spricht ins Publikum und berichtet von dem Grauen, das geschehen ist. Wir, dieses Publikum, sind Theben. Waren zerrissen zwischen der alten Ordnung und dem Neuen, das Dionysos mitbrachte. Der lebt, hockt hoch über allen auf der Schaukel. Pentheus ist tot.

Mit solchen Bildern arbeitet Mark Zurmühle, der am Theater Konstanz die «Bakchen» inszeniert, Raoul Schrotts Neudichtung von Euripides’ Tragödie. Nicht mit abgeschlagenem Pen­theus-Kopf und strömendem Blut wie an andern Häusern, nicht als Hörspiel im Dunkeln wie die durchgefallene Schweizer Erstaufführung der Gruppe 400asa in der Gessnerallee 2002. Sondern auf die Sprache und die Bilder vertrauend wie hier vor einem Jahr mit «Medea». Und in der kommenden Spielzeit wird Mark Zurmühle Konstanz’ neuer Schauspieldirektor.

Masslos ist der Mensch in Zeiten des Umbruchs

Hatte uns Bote Lisios nicht gewarnt zu Beginn, als der Vorhang noch gezogen war? Dass wir in einer Zeit des Umbruchs lebten, die Demokratie in Gefahr sei? Hatten uns nicht die Frauen im Saal umzingelt und Dionysos angerufen und mit Fäusten und Fersen an die Stadtmauern gehämmert? Wir hätten wissen müssen, dass Zeus’ Sohn zurückkehren und unsere Welt auf den Kopf stellen würde, dieser Gott der Fruchtbarkeit, des Rausches und des Theaters. «Nichts ist ungeheuerlicher als der Mensch. Zu allen Zeiten. Kein Mass, nirgends.»

Diese Frauen! Stark sind sie, jede hat einen Namen. Angeführt von Agaues Schwester Ino (eiskalt: Jana Alexia Rödiger), stürmen sie Dionysos nach ins Gebirge, werden zu Mänaden, Bakchen, und rasend tanzen sie zur verzerrten E-Gitarre (Choreografie Efrat Stempler, Musik Albrecht Ziepert). Mark Zurmühle interpretiert die Vorlage aus einer zeitgenössischen Position heraus. Denn die Menschenfänger sind nach wie vor unter uns, diese Halbgötter wie Dionysos. In weissen Kleidern schwebt er vom Schnürboden herab, lässt sich die Gitarre reichen, lässt sich Zeit mit seinem leisen Lied für Agaue (verzückt: Sylvana Schneider). Dieser Blick! Peter Posniak spielt Dionysos als Rockstar, als unschuldigen Verführer, seine Augen lächeln lüstern. Pentheus lässt ihn foltern, er entkommt und reisst die Frauen mit sich.

Bis der glitzernde Vorhang hochgezogen wird

Und später spielt er nochmals für Pentheus’ Mutter, steckt eine Zigarette an und lässt Agaue daran ziehen – Ausklang des Rausches – und vom Glück der Frauen erzählen. Wie siegessicher ist Dionysos’ Grinsen nun, und doch bleibt er ein einsamer Gott. Mit einem Blick, der über uns hinweg in die Ferne geht, in die Leere.

Dann steckt Dionysos König Pentheus in Frauenkleider, steckt ihm dasselbe lange graue Haar an, mit dem er vom Himmel geschwebt war. Und Pentheus steigt den Frauen nach auf den Berg und das Schicksal wird sich erfüllen und seine Mutter wird ihn zerfetzen. Arlen Konietz spielt den jungen Herrscher als einsamen, immer ratloser werdenden Menschen. Die glitzernde Kulisse ist hochgezogen, als ihn seine Mutter im Arm hält und beweint. Hatte sie ihm nicht gesagt, «die ganze Welt hat sich auf den Kopf gestellt»? Die alte Ordnung ist zerfetzt – wie es die lumpigen Kleider von Kadmos (Jörg Dathe) und Tireisias (Andreas Haase) zu Beginn angedeutet haben.

Mark Zurmühle lässt das Stück der wuchtigen Gegensätze in Stille und Einsicht enden, lässt Sprache und Bilder nachwirken. Und er bekommt an der Premiere ebenso starken Applaus wie die Schauspieler und Eleonore Bircher für die glasklare, den Raum gezielt nutzende Ausstattung.

Weitere Vorstellungen: 7.3.–16.4. www.theaterkonstanz.de

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