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BUCHMESSE: Autorin gezielter Weckrufe

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält heute in Frankfurt den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Peter Henning
Die 1939 in Ottawa geborene Margaret Eleanor Atwood erhält heute den Friedenspreis. (Bild: Chris Young/Keystone)

Die 1939 in Ottawa geborene Margaret Eleanor Atwood erhält heute den Friedenspreis. (Bild: Chris Young/Keystone)

Peter Henning

In der Begründung des Stiftungsrats des Deutschen Buchhandels heisst es mit Blick auf die diesjährige Preisträgerin, die Kanadierin Margaret Atwood: «Die Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen.»

Tatsächlich drängt die mittlerweile 77-Jährige noch immer engagiert mit Brandreden gegen die drohenden Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels an die Öffentlichkeit. Das brachte Atwood neben all den Meriten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten für ihre Dichtungen einheimste, den Ruf einer furchtlosen Mahnerin ein, die es nicht dabei belassen will, alleine aus ihren Büchern zu ihren Lesern zu sprechen.

Zupackender Stil gegen die Bedrohungen

«Sich das Schlimmste vorzustellen, ist ein Weg, sich darauf vorzubereiten!», lautet denn auch bis heute ihr persönliches Credo. Wie dieses «Schlimmste» aussehen kann, das beschwor sie 1985 in ihrem wohl berühmtesten Buch, dem Roman «Der Report einer Magd», in welchem sie in Bildern von eisiger Schärfe das Szenario eine Diktatur entwarf, in welcher Frauen als Gebär­maschinen fungieren. Das Buch wurde 1990 unter dem Titel «Die Geschichte der Dienerin» von Volker Schlöndorff fürs Kino verfilmt und dieses Jahr in Form der Fernsehserie «The Handmaid’s Tale» erneut umgesetzt. Das Buch festigte Atwoods Ruf als ­literarische Aufklärerin, die ihr Schreiben stets als Parteinahme für die Unterdrückten und Geschundenen versteht. Gewiss: Margaret Atwood schreibt weder die schlanke, formvollendete Prosa ihrer Landsfrau Alice Munro, die 2013 für ihre an Anton Tschechow erinnernden Erzählungen den Literaturnobelpreis erhielt; noch erinnert ihr oft spröder, zupackender Gestus an die lichten Prosastücke ihrer zehn Jahre jüngeren kanadischen Kollegin Jane Urquhart. Atwoods Literatur ist vielmehr ein forciertes und oft kantiges Schreiben gegen die Widerstände und Bedrohungen unserer Existenz. Darin ähnelt sie wohl am stärksten ihrer 2003 verstorbenen kanadischen Kollegin Carol Shields, deren ­Stories in den Leben sogenannter «einfacher» Leute und ihrer ­Beziehungen zueinander dem Geheimnis des Menschseins nachspüren.

Die Rolle der Frauen als Perspektive

Was sie indes grundsätzlich von all den Genannten unterscheidet, ist ihre ausgeprägte Vorliebe für sogenannte literarische Dystopien – also für mit sprachlichen Mitteln entworfene Gegenbilder zum Bestehenden –, und seien sie auch noch so dunkel und verstörend. Das rückt ihr Werk in die Nähe solcher Grössen wie H. G. Wells oder George Orwell, dessen Roman «1984» mit dem Erscheinen von Donald Trump auf der weltpolitischen Bühne urplötzlich eine neue, kaum mehr möglich gehaltene Relevanz bekam – und nun sogar wieder die Bestsellerlisten erobert, fast siebzig Jahre nach seinem Erscheinen.

Mehr als 80 Buchtitel gehen mittlerweile auf das Konto der 1938 in Ottawa geborenen Tochter eines Insektenforschers, darunter sind Romane, Erzählbände, Kinderbücher, Gedichtsammlungen und Sachbücher. Dabei operiert sie in ihren Arbeit häufig mit Versatzstücken der Science-Fiction – immer ausgehend von der Rolle der Frau in den beschriebenen Gesellschaften. Das trug ihr vielfach den Zuspruch der feministischen Bewegung ein, auferlegte ihren Arbeiten aber häufig eine thematische Begrenztheit. «Ich bin Jahrgang 1939 und habe in meinem Leben schon viel gesehen», bekannte sie kürzlich in einem interview. «Hitler, Stalin, Pol Pot bis zum Genozid in Ruanda. All das ist passiert und wird weiter passieren.» Und genau hier setzt ihr Schreiben an: in der Beschwörung der lauernden, nicht nachlassenden Gefahren für den Menschen und den Planeten, auf dem wir leben. Romane wie «Die essbare Frau» (1969), «Der Report einer Magd» (1985), «Katzenauge» (1988) oder «Der blinde Mörder», für den sie 2000 den renommierten Booker Prize erhielt, legten davon eindrucksvoll Zeugnis ab.

Literatur als bewusste Einmischung

Bis heute nimmt sie an Protestmärschen teil, denn in Atwoods Augen muss sich die Literatur immer auch auf der Strasse beweisen, also dort, wo sie ihre Stoffe findet: bei den Menschen und ihrer Sehnsucht nach einem ­Leben in dauerhaftem Frieden. Denn diese Visionärin weiss: «Die Dinge bewegen sich im Kreis und kommen wieder! Trumps Wahl zum Präsidenten hat viele Menschen wachgerüttelt, die vorher unpolitisch waren! Jetzt merken sie, dass sie etwas zu verlieren haben!»

Von dieser Erkenntnis getrieben, schreibt Margaret Atwood seit 1969 ihre Bücher, die sie immer als bewusste Einmischungen verstand, als gezielte Warn- und Weckrufe. Denn von ihrem Naturell her ist diese sympathische Zeitgenossin zutiefst politisch – eine Dichterin des Widerstands. Das trägt ihr jetzt zu Recht den Friedenspreis ein. Sie darf und wird ihn als Bestätigung für ihr Schreiben und ihren Kampf gegen die herrschenden Missstände begreifen. Befrieden in ihrem Kampf dagegen aber wird er sie nicht. Gut so.

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