BUCHMESSE: Aufstehen, auflehnen, schreiben

«Frankfurt auf Französisch» – das stösst auf ein grosses Publikumsinteresse. Die Autoren nehmen sich brisanter politischer Themen der Gegenwart an.

Bernadette Conrad, Frankfurt
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Eine junge, linksintellektuelle Stimme: Edouard Louis. (Bild: Keystone)

Eine junge, linksintellektuelle Stimme: Edouard Louis. (Bild: Keystone)

Bernadette Conrad, Frankfurt

«Gewalt ist etwas, das inzwischen jeden betrifft», sagt Salman Rushdie – vielleicht lapidarer als er es eigentlich meint. Aber er war ja auch dazu genötigt worden. Wie so oft beim Auftritt des von der Fatwa gejagten berühmten Autors gilt die erste Frage dieser Bedrohung. «Dass Gewalt mal vor allem mich betraf, das war einmal», fügt er hinzu, und will dann aber auch über «Golden House» sprechen. Den opulenten Roman, mit dem er versucht hat, sich maximal nah an die tagesaktuellen Probleme in Amerika heranzuschreiben.

«Die Politik scheint nicht fähig, sich mit den Ursachen von Gewalt auseinanderzusetzen», hatte eine Stunde zuvor der erst 25-jährige französische Autor Edouard Louis am selben Platz gesagt, dem Blauen Sofa auf der Buchmesse, auf dem im Halbstundentakt die Autoren und Autorinnen von einem Moderator zu ihrem aktuellen Buch befragt werden. «Das Ende von Eddy» hatte der autobiografische Roman geheissen, mit dem Louis vor zwei Jahren international Aufmerksamkeit erregte. Gewalt im Leben eines jugendlichen Homosexuellen war das Leitthema gewesen – und wenn Louis in seinem aktuellen Titel «Im Herzen der Gewalt» davon erzählt, wie ein nächtlicher Flirt in brutale Vergewaltigung und versuchten Mord gekippt war; auch dann verhehlt er nicht, dass dies ihm selbst zugestossen ist.

Was sich Macron nicht zu sagen scheut

«Die Geschichte der Gewalt ist die Geschichte der Welt», sagt der sympathisch uneitle junge Mann; aus jenem Arbeitermilieu stammend, das einst traditionell links wählte und inzwischen in grossen Teilen zum Front National abgewandert ist. Louis schildert den inneren Kampf darum, um auch nach persönlich so massiv erlebter Gewalt nicht zum Rassisten zu werden. «Ich möchte Gewalt verstehen. Und ich finde es schlimm, dass es in unseren Gesellschaften von staatlicher Seite keine anderen Angebote gibt, als Gewalt mit Gewalt zu vergelten.» Nicht, dass er es nicht schätze, in einem Land zu leben, wo man Klage erstatten kann. «Aber ab dann ist man Teil eines Systems, das nur diese eine Lösung vorschlägt.» Seinen Eltern und seiner Schwester sei gerade das Wohngeld um je 5 Euro gekürzt worden – parallel mit Steuererleichterungen für die, die sowieso genug haben. Wie gewalttätig ist das? «Gerade ist eine Zeit, in der man das sagen darf, was Macron sich nicht scheut zu sagen: ‹Die Arbeiterklasse, das sind doch alles Faulenzer.› Ehrlich gesagt wundere ich mich, dass es nicht noch viel mehr Gewalt in der Gesellschaft gibt.»

Angesichts dieser «autoritären Wirtschaftsliberalen, die Exklusion produzieren», hoffe er sehr auf ein Aufwachen der Linken, sagte Louis eindringlich: «Wir müssen aufstehen, uns auflehnen, wir müssen schreiben!»

In der Sprache, aber nicht im Land zu Hause

Mit Edouard Louis ist nicht nur eine sehr junge Stimme vorne dabei in der gerade politisch sehr deutlichen Stimmung, die auf dieser Buchmesse herrscht. Mit ihm steht auch die Tradition jener französischen Linksintellektuellen ganz lebendig da, die sich auf die exzessiven sozialen Studien Pierre Bourdieus in den 1980er-Jahren zurückbeziehen. In einem konzentrierten, von Claudia Hamm souverän geleiteten Podium sitzt Louis’ Lehrer Didier Eribon, der seit «Rückkehr aus Reims» auch bei uns viel gelesen ist, neben Annie Ernaux, einer grossen alten Dame der autobiografischen Literatur. Zwischen Bourdieu und Ernaux habe er seine eigene Erzählstimme gefunden, beschreibt Eribon, – und je länger man den Lesungen aus Ernaux’ gerade erschienenem «Die Jahre» zuhört, desto besser versteht man, was er meint. «Ich» zu sagen im Schreiben, aber unter Einhaltung einer Distanz, die zeigt, wie sehr das eigene Ich viel mehr ist als nur es selbst, nämlich «durchdrungen mit Sozialem», das habe sie immer interessiert, sagt die 77-jährige Annie Ernaux.

Der Zulauf zu den Lesungen von Ernaux und Eribon war gross – wie zu den Lesungen jener anderen französischsprachigen Autorinnen und Autoren, die zwar in der Sprache, aber nicht im Land zu Hause sind – , oder es jedenfalls nicht immer waren, wie etwa der im Iran geborenen Negar Djavadi, die schon im Titel «Desorientale» deutlich macht, wie sehr es bei Einwanderung und Aneignung immer auch um Verstörung und Desorientiertheit geht. Ja, die Bandbreite der französisch Schreibenden ist enorm – , dem selbstgestellten Auftrag, davon einiges zu vermitteln und den Umstand im Fokus zu haben, dass geschätzte 500 Millionen Menschen weltweit französischsprachig sind, wird die Buchmesse in vielen eindringlichen Veranstaltungen gerecht. Podien und Vorträge im französischen Pavillon, der mit seinen unzähligen, nur aus Latten bestehenden Bücherregalen wie eine fragile Streichholzstadt voller Bücher wirkt, leisten dies geballt.

«Die Absicht liegt jenseits der Kunst»

Und dann sind da die etablierten grossen Namen und Werke, die es sich ebenfalls anzuhören lohnt: Marie N’Diaye, die mit «Die Chefin» eine faszinierende Köchin erfand: Eine, die es geschafft hat, «das zu tun, was sie über alles liebte», und zwar in einem «unerbittlichen Rückzug auf ihren Beruf»; mit einer «kalten schöpferischen Erregung», die sie von anderen trennt, aber die Meisterschaft, die sie erlangt, überhaupt erst möglich macht. Ob dies eine Metapher für das Schreiben sei, fragte Moderatorin Claudia Hamm, und N’Diaye erwiderte: natürlich könne man diesen Bezug herstellen. Um aber sogleich zu sagen: In dem Moment, in dem man sehr absichtsvoll schreibe, etwas Bestimmtes sagen wolle, «befindet man sich schon jenseits der Kunst».

Dann weiter zu Shumona Sinha, wieder mitten hinein in die gesellschaftspolitische Aktualität. Die 44-jährige, aus Indien nach Frankreich eingewanderte Autorin, die mit dem schon im Titel provozierenden «Erschlagt die Armen!» Aufsehen erregte, als sie aus eigener Arbeitserfahrung Mechanismen der staatlichen und bürokratischen Unterdrückung der sozial Schwachen aufdeckte, liest auf der Messe aus «Staatenlos». Erfahrungen von Rassismus, Unzugehörigkeit und die grosse Arbeit, in einer Gesellschaft anzukommen: Shumona Sinha steht als ein Beispiel für die vielen, die das schicksalhaft zu bestehen haben – und jene, die es schaffen, dafür eine Stimme zu finden.