BUCHKUNST: Staunend in der Kirche

Zum 250-Jahr-Jubiläum der St. Galler Kathedrale ist ein lyrisch-poetisches Bilderlesebuch erschienen. Es verzichtet auf Zahlen und Fakten – und ist dennoch ein Führer im besten Sinn des Wortes.

Beda Hanimann
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«Schön ist sie!»: die St. Galler Kathedrale im besten Licht. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Schön ist sie!»: die St. Galler Kathedrale im besten Licht. (Bild: Hanspeter Schiess)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Die Mädchen sitzen in einer Reihe auf dem obersten Treppenabsatz. Gespitzte Lippen da, offene Münder dort, ihre Blicke zielen in die Höhe. In die Weite des Kathedralhimmels. Das Foto der staunenden Mädchengruppe steht sinnbildlich dafür, wie Gestalter, Texter und Fotograf an die heikle Aufgabe herangegangen sind, ein weiteres Buch über das meistfotografierte Gebäude der Stadt St. Gallen zu realisieren. Ihr Zugang ist der des Staunens, des unvoreingenommen Schauens.

Die neue Publikation «Schön ist sie!» ist ein Jubiläumsbuch. Das Jahr 1767 gilt mit der Errichtung der Doppelturmfassade als Abschluss der Bauarbeiten an der Stiftskirche, die barocke Kathedrale feiert also dieses Jahr ihren 250. Geburtstag. Doch das ist nicht das Thema des Buches. Das Jubiläum wird nicht einmal erwähnt, es gibt im ganzen Buch keine Jahreszahl, man sucht vergebens nach Namen von Bauherren oder Künstlern.

Dennoch ist das Buch ein Führer im besten Wortsinn. Es lädt mit Texten von Ivo Ledergerber und Fotos von Paul Joos dazu ein, Raum und Gebäude zu erkunden. Die ursprüngliche Idee, dem Kirchenjahr zu folgen, habe man verworfen und stattdessen entschieden, sich dem Bauwerk über die Materialien zu nähern, erklärt Ivo Ledergerber. Das ergab sechs Kapitel, da sind zum einen die realen Baustoffe Stein, Metall und Holz, zum andern die weichen Elemente Wasser, Luft und Licht. Ein grossartiger, überraschender Zugang.

Spannender Wechsel von Totalen und Details

Joos zeigt in einem spannenden Wechsel von Totalen und Details die Üppigkeit der Deckengemälde, Schnitzereien am Chorgestühl, Spiegeleffekte im Weihwasserbecken, selbstvergessene Putti oder die neckische Fratze eines Wasserspeiers am Dachkännel. «Die Kathedrale ist voller offenkundiger, aber auch versteckter Schönheiten», sagt Joos, der eine besondere Beziehung zum Gebäude hat: Als Fladeschüler hatte er es in Jugendjahren täglich vor Augen.

Auch für den Theologen, Lyriker und Verleger Ivo Ledergerber war die Arbeit am Buch eine Rückkehr, er war vor vielen Jahren als Domvikar tätig. «Mich fasziniert das Gebäude mit seiner Vielfalt an subtilen Ausdrucksformen», sagt er. Neben den handwerklichen Fertigkeiten bewundert er die thematische Sorgfalt. «Da gibt es kein Detail, das einfach so da ist, alles ist durchdacht.»

Die Texte folgen den Fotos und erklären unaufdringlich den Kosmos des Kirchenraums – und was da geschieht. Ledergerber beschreibt Gegenstände wie einen Kelch oder den Tabernakel, er erzählt von festlichen Augenblicken wie der Osternacht oder einer Taufe, er begegnet Menschen wie dem Organisten, dem Bischof oder den Frauen vom Reinigungsdienst.

Ein Juwel der Buchkunst

Geschrieben sind die Texte in der sogenannten Leichten Sprache, die sich durch einfache, klare Sätze auszeichnet, so dass auch Menschen mit eingeschränkter Kompetenz in deutscher Sprache folgen können. «Für mich war das eine Herausforderung, denn es sollte nicht wirken wie ein Erstklasslesebuch», sagt Ledergerber. Er hat die Aufgabe bravourös gemeistert. Seine Texte sind voller melodischer Poesie und lesen sich oft wie heiter-unbefangene Selbstgespräche eines staunenden Entdeckers.

Das vom St. Galler Grafikbüro TGG Senn Hafen Stieger gestaltete Buch ist weit mehr als einfach ein weiteres Buch über die Kathedrale. Es ist unter den Büchern, was diese für die Architektur ist: ein Juwel, das aus der Masse herausragt.

Buchvernissage

Dienstag, 16. Mai, 18 Uhr, im Chorraum der Kathedrale

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