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BUCHBRANCHE: Eine Ära geht zu Ende: Luft wird dünn für Schweizer Buchverlage

Sie pflegten ihre Autoren wie Rennstallbesitzer ihre Pferde. Doch an die Stelle dieser Verlegerpersönlichkeiten sind heute vielfach Verlagsmanager oder Konzernchefs getreten.
Mario Andreotti
Bücherflut: An der Frankfurter Buchmesse werden jeweils 80 000 neue Titel vorgestellt. (Bild: Michael Probst/AP)

Bücherflut: An der Frankfurter Buchmesse werden jeweils 80 000 neue Titel vorgestellt. (Bild: Michael Probst/AP)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Der Literaturbetrieb hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Etwas verallgemeinert lässt sich sagen, dass früher, in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, alles etwas persönlicher als heute war und etwas gemächlicher zu und her ging. Da gab es zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse im Herbst. Auf diesen Termin hin liessen die Verlage ihre Bücher erscheinen. Das heisst, der Herbst fand auch wirklich im Herbst statt und nicht schon im Juli oder August, wie dies heute der Fall ist, weil der Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt so unerbittlich geworden ist und jeder jedem zuvor-kommen will.

Unüberblickbare Masse an Neuerscheinungen

Neue Bücher erscheinen heute das ganze Jahr hindurch. Die Folgen sind denn auch klar: Buchhändler, Rezensenten und natürlich auch die Leser sehen sich mit einer nicht abreissenden Flut von Neuerscheinungen konfrontiert, die sie kaum mehr zu überblicken und schon gar nicht mehr zu bewältigen vermögen. Über 80 000 neue Titel werden jeweils an der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt. Auch wenn man von dieser Zahl die Koch-, Reise- und Ratgeberbücher, die Fachliteratur und die Bildbände abzieht, bleibt immer noch eine bedrohliche Masse übrig, und es fällt zunehmend schwerer, mit dem nötigen Respekt und der nötigen Differenziertheit an das einzelne Buch heranzugehen. Feuilletonredaktionen und freischaffende Rezensenten wissen längst nicht mehr, wie sie sich der Bücherflut entledigen sollen, die da während des ganzen Jahres über sie hereinbricht. Sie mögen sich manchmal nach jenen Zeiten zurücksehnen, als es etwa in Zürich noch Verleger wie einen Peter Schifferli, den Gründer des Arche Verlags, gab, der die neuen Bücher, in buntes Seidenpapier gewickelt, jeweils eigenhändig auf den Redaktionen vorbeibrachte. Oder einen Egon Ammann, der in seinem verschatteten Büro an der Zürcher Neptunstrasse seine Besucher zwischen Bücherbergen und Rauchschwaden empfing.

Das Verschwinden von Verlagspersönlichkeiten

Das Verschwinden von Verlegerpersönlichkeiten, wie Peter Schifferli und Egon Ammann, erscheint mir für die Entwicklung der ganzen Branche symptomatisch. Den meisten nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten oder nach Deutschland zurückgekehrten Verlagen standen noch bis weit in die 1970er-Jahre hinein Persönlichkeiten vor, die Bücher liebten, etwas von Literatur verstanden, mit Autoren umzugehen wussten, einen Riecher für junge Talente hatten und im günstigsten Fall auch einigermassen geschäftstüchtig waren. Verlagsnamen wie Fischer, Suhrkamp, Rowohlt, Beck, Hanser, Ammann, Arche oder Diogenes waren mit solch herausragenden Persönlichkeiten verbunden: mit Liebhabern, ja Besessenen, die Bücher machen wollten, gute Bücher, erfolgreiche Bücher, und die deshalb ihre Autoren pflegten wie Rennstallbesitzer ihre Pferde.

Mit Siegfried Unseld und Daniel Keel, den Leitern des Suhrkamp- und des Diogenes Verlages, sind in den letzten Jahren zwei der letzten dieses Schlags gestorben. Bei Hanser gibt es seit 2013 Michael Krüger nicht mehr und eben auch Egon Ammann, der Gründer des renommierten Ammann Verlags, der vor acht Jahren aufgelöst wurde, ist von der literarischen Bühne abgetreten und inzwischen auch gestorben: alles Verlegerpersönlichkeiten, die den Verlagen ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt haben. Mit ihnen geht wohl eine Tradition zu Ende, die von der engen, bisweilen ein Leben überdauernden Beziehung zwischen dem Verleger und seinen Autoren lebte. Gerade das Verschwinden des neben Diogenes wichtigsten Schweizer Verlages, des Ammann Verlags, ist ein donnerndes Signal, der Abschied einer der profiliertesten Verlegerpersönlichkeiten ein Verlust für das Schweizer Kulturleben, der nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Dani Landolf, der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes, weiss, dass die Luft für die meisten Schweizer Verlage dünn geworden ist und fordert veränderte Rahmenbedingungen, das heisst eine Verlagsförderung, die diesen Namen auch verdient.

Knallhartes Management der Branchenriesen

An die Stelle von Verlegerpersönlichkeiten sind heute vielfach Verlagsmanager oder Konzernchefs getreten. Die bunte Palette von Verlagsnamen und Verlagsprogrammen ist nicht viel mehr als schöner Schein, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die Unternehmen Bertelsmann und Holtzbrinck mittlerweile fast den ganzen deutschen Buchmarkt unter sich aufteilen. Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrechtzuerhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die Männer, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung. Müssen sie auch nicht haben, denn ihre Aufgabe besteht darin, den Cashflow zu steigern und satte Gewinne zu erzielen. Sie tun es vor allem, indem sie ihre Lektoren, deren Aufgabe es bisher war, Autoren zu entdecken und Trends aufzuspüren, mit konkreten Umsatzvorgaben dazu verpflichten, Verkaufserfolge anstelle von literarischer Qualität zu generieren. Lektoren sind denn auch immer mehr mit Fragen des Marketings und der Pressearbeit beschäftigt, so dass ihre Arbeit am Text zu kurz kommt.

Lyrik und experimentelle Texte nur dank Idealisten

Stille Bücher, anspruchsvolle Bücher, Lyrik zum Beispiel oder experimentelle Texte, haben in einem solch ausschliesslich marktorientierten System kaum mehr eine Chance. Künstlerischer Anspruch in Bezug auf Stil, Komposition, Experiment gilt als elitär, und dies wiederum wird gleichgesetzt mit Langeweile und dreister Zumutung. Texte sollen in erster Linie unterhaltsam, konsensfähig und in irgendeiner Weise anrührend sein. Doch gäbe es unter den Verlegern nicht immer noch und immer wieder hoffnungslose Idealisten und Selbstausbeuter, wir bekämen bald nur noch Bücher vorgesetzt, die eine Auflage von 100 000 Exemplaren oder mehr rechtfertigen.

Hinweis:
Unser Autor ist Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor.

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