Buchbesprechung
Das Leben von Hannah Arendt im Roman – und das Denken?

In Ihrem Buch «Was wir scheinen» folgt Hildegard E. Keller den Spuren von Hannah Arendt (1906-1975). Arendt vertraute ihrem Urteil, auch wenn es ihrer Umgebung weh tat. So besonders im Nachklang ihres Buches «Eichmann in Jerusalem», als sie im Organisator der Judenvernichtung nur eine lächerliche Figur sehen wollte.

Christoph Bopp
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Hannah Arendt in ihrer Wohnung in Manhattan (1972).

Hannah Arendt in ihrer Wohnung in Manhattan (1972).

Getty Images

Wenn es nicht wie eine blöde Redensart klingen würde – ja, Hannah Arendt hatte ein Leben wie in einem Roman. Da ist viel passiert, da war viel Bewegung. Aufgewachsen in der Kant-Stadt Königsberg in einer jüdischen Familie, die sich aber nichts ­daraus machte, geriet sie als Studentin der Philosophie in den Bann Martin Heideggers. Um keinen Skandal zu provozieren, schickte sie Heidegger von Marburg nach Heidelberg zu Karl Jaspers, bei dem sie ihr Studium abschloss.

Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) sympathisierte mit dem Nationalsozialismus.

Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) sympathisierte mit dem Nationalsozialismus.

Digne Meller Marcowicz/ullstein

Hannah Arendt war früh klar, dass der Nationalsozialismus nichts war, mit dem man sich arrangieren konnte. Dazu musste man nicht einmal Jüdin sein. Nach einer Woche Gestapo-Haft ging sie nach Paris. Dort half sie weiter, jüdische Jugendliche auf den Weg nach Palästina zu bringen. Nachdem sie ihre Mutter aus Königsberg nach Paris gebracht hatte, gelang ihr 1940 die Flucht aus dem berüchtigten Vélodrome d’Hiver, dem Lager, in dem Flüchtlinge festgehalten wurden, um deportiert zu werden. Über Lissabon erreichten Mutter und Tochter mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher New York.

Die Verbindung nach Europa brach nie ab

Sie arbeitete dort für jüdische Einrichtungen und als Journalistin. Nach dem Krieg begann sie die Arbeit an ihrem wichtigsten Buch über die «Ursprünge totalitärer Herrschaft» (1951/1955). 1949/50 bereiste sie das zerstörte Deutschland. Regelmässige Aufenthalte in Europa und besonders in der Schweiz, im Tessin und in Basel bei Jaspers, folgten bis zu ihrem Tod 1975.

Ihr Doktorvater Karl Jaspers (1883-1969) war auch später eine wichtige Bezugsperson für Hannah Arendt.

Ihr Doktorvater Karl Jaspers (1883-1969) war auch später eine wichtige Bezugsperson für Hannah Arendt.

Hannah Arendt schrieb einen Grossteil ihrer Bücher in Amerika, blieb aber in Europa heimisch. Ihre frühen Arbeiten waren durch Heidegger und Jaspers stark beeinflusst. «Existenzphilosophie» ist nichts, was Amerikaner von den Stühlen reisst. Aber solche Dinge kümmerten Hannah Arendt nicht. Ihre Dissertation hatte sie über den Liebesbegriff bei Augustin geschrieben. Die akademische Theologenwelt reagierte etwas befremdet, was nicht nur daran lag, dass eine junge Jüdin sich mit einem berühmten christlichen Theologen befasste.

SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906-1962) organisierte die Deportation der Juden im von den Nazis besetzen Europa. Aus Argentinien entführt vom israelischen Geheimdienst wurde ihm 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht. Hannah Arendt wurde vom «New Yorker» für eine Artikelserie nach Jerusalem geschickt. Sie erschien später unter dem Titel «Eichmann in Jerusalem. Die Banalität des Bösen.» als Buch.

SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906-1962) organisierte die Deportation der Juden im von den Nazis besetzen Europa. Aus Argentinien entführt vom israelischen Geheimdienst wurde ihm 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht. Hannah Arendt wurde vom «New Yorker» für eine Artikelserie nach Jerusalem geschickt. Sie erschien später unter dem Titel «Eichmann in Jerusalem. Die Banalität des Bösen.» als Buch.

Ihr Denken blieb europäischen Bahnen verhaftet, auch wenn der Stil und der Umgang mit der Begrifflichkeit amerikanisch anmutet. Sie vertraute ihrem Urteil mehr als den Meinungen anderer. Das machte ihr Probleme. So auch, als sie in den 1960er-Jahren im Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, bei seinem Prozess in Jerusalem nur eine Charakternull und keinen Bösewicht sah.

Denken aus aktuellem Anlass, nicht Philosophie

Anders als Heidegger und besonders Jaspers, die sich um philosophischen Tiefsinn bemühten und immerhin meist Tiefgang erreichten, blieb Hannah Arendt nicht oberflächlich, aber nah an einer bestimmten Kon­stellation. Sie dachte über Dinge nach, welche die Leute aktuell beschäftigten. Das stellt an die Lesenden einige Anforderungen. Die Aktualität beschädigt die Gültigkeit des Gedachten keineswegs, aber man muss sich stets hüten, Hannah Arendt als politische Kommentatorin irgendwelcher aktueller Probleme misszuverstehen.

Hildegard Keller (Literaturkritikerin, Autorin)

Hildegard Keller (Literaturkritikerin, Autorin)

Ralph Ribi

Übereilte Aktualisierung kann man dem Hannah-Arendt-Roman von Hildegard E. Keller nicht vorwerfen. Was hätte Hannah Arendt denn dazu gesagt? Auf so etwas lässt sich die Professorin für Ältere deutsche Literatur an der Universität Zürich nicht ein. Ihre Zeichnung der­ Arendt-Figur ist authentisch und bleibt historisch treu.

Vielleicht muss sie das, denn die Konstruktion des Buches ist anspruchsvoll. Es ist gegliedert in einzelne Episoden, die ältesten aus den 1940er-Jahren in Manhattan, die letzten aus dem Spätsommer 1975, kurz vor ihrem Tod im Dezember 1975. Die Episoden werden zusammengefasst in drei Teile, die ihrerseits jeweils unterteilt werden durch eine Art Märchen «Das kleine Mädchen und die Gans». Ausgiebig zitiert werden Gedichte von Hannah Arendt.

Zu viel Leben und doch etwas wenig Denken?

«Was wir scheinen» von Hildegard Keller

«Was wir scheinen» von Hildegard Keller

zvg

Schwierig macht die Lektüre vielleicht die exzessive Verwendung der Vornamen. Klar, kann man Arendt nicht «Heidegger» denken lassen, wenn sie «Martin» meint. Aber da kommt halt doch etwas an Personal zusammen und «Hans» (Jonas) oder «Kurt» (Blumenfeld) immer gleich mit den richtigen Leuten zu assoziieren, ist anspruchsvoll.

«Eichmann in Jerusalem» bekommt dann doch noch seinen Platz. Die Kontroverse danach bleibt eher konturlos. Wobei das Wichtigste, dass es Hannah Arendts Überzeugung war, persönliche Wertschätzung und Meinungsdifferenzen getrennt zu halten, durchaus herauskommt.

Die Beziehung zu Heidegger wird kaum beleuchtet, aber da werden wir nichts mehr erfahren; die weniger komplizierte zu Karl Jaspers bekommt mehr Konturen. Es gibt viele Dialoge und Episoden, fast zu viele. Aber einverstanden: Man kann die «Banalität des Bösen» auch zu einer Banalität zerschwatzen.

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eichborn Bastei Lübbe Köln 2021. 576 S.; Fr. 39.90.