Happy End für «Evita»

Das Buch der St.Galler Soziologin Monika Kritzmöllers über eine besondere Haute-Couture-Sammlung kommt endlich in den Handel.

Christina Genova
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Ein Hut als Markenzeichen: Monika Kritzmöller in ihrer Jugendstilwohnung. (Bild: Urs Bucher)

Ein Hut als Markenzeichen: Monika Kritzmöller in ihrer Jugendstilwohnung. (Bild: Urs Bucher)

«Evita» ist für Monika Kritzmöller eine Herzensangelegenheit: «Diese Frau hat es verdient, dass ich mein Bestes gebe», sagt die freischaffende Modesoziologin, die auch an der Universität St.Gallen unterrichtet. Evita ist der Kosename Eva Margarita Hatscheks. Mehr als 300 Kleider hat sich die vermögende Zürcherin im Laufe ihres Lebens auf den Leib schneidern lassen. 1941, mit 17 Jahren, war sie zum ersten Mal im Schneideratelier von Paula «Päuli» Winteler in Zürich. Die letzte Garderobe liess sie sich 1990 von ihr anfertigen.

Alle Kleider samt perfekt darauf abgestimmter Accessoires bewahrte sie auf. Manche davon sind kaum getragen. Ein extravaganter Abendanzug aus orange-braunem Paillettenstoff von 1969 befindet sich ebenso in der Sammlung wie ein roter Komplett-Look von 1976 bestehend aus Mantel, Bluse, Rock und Beret nach einem Entwurf von Pierre Balmain.

Eva Margarita Hatschek posiert im Schneideratelier von Paula Winteler in einem wadenlangen Kleid aus roter Seide. Dazu gehört eine Kopfschmuck aus kleinen Seidenblütenblättern. (Fotografie Paula Winteler / Besitz Andrea Hatschek)

Eva Margarita Hatschek posiert im Schneideratelier von Paula Winteler in einem wadenlangen Kleid aus roter Seide. Dazu gehört eine Kopfschmuck aus kleinen Seidenblütenblättern. (Fotografie Paula Winteler / Besitz Andrea Hatschek)

«Eine Biografie in Haute Couture» nennt Kritzmöller Hat­scheks Sammlung. Sie hat vor drei Jahren im Auftrag des Vereins Swiss Textile Collection darüber ein Buch mit dem Titel «Evita» verfasst. Dessen Präsidentin Rosmarie Amacher hatte Hatscheks Kleider nach ihrem Tod 2010 erworben. Doch das damalige Buch kam nie in den Handel, weil es nicht Amachers Vorstellungen entsprach. Die Haute-Couture-Sammlung, für welche als Standort auch das Kornhaus in Rorschach zur Diskussion stand, befindet sich heute in der alten Spinnerei in Murg.

Abscheu für Billigmode

Hosenanzug «Dentelle» aus hellblauer Guipure-Stickerei nach einem Entwurf von Hubert de Givenchy 1970 (Foto: Adolf Bereuter)

Hosenanzug «Dentelle» aus hellblauer Guipure-Stickerei nach einem Entwurf von Hubert de Givenchy 1970 (Foto: Adolf Bereuter)

Nun, drei Jahre später, gibt es ein Happy End für «Evita». Monika Kritzmöller entwickelte dank der Unterstützung des Textilunternehmers Max R. Hungerbühler die ursprünglichen Inhalte mit einer modesoziologischen Würdigung weiter. «Es ist nicht bloss ein Buch über den Kleiderschrank einer Frau», sagt Kritzmöller. Es ist ihr wichtig, Hatscheks Sammlung in den Kontext der Modegeschichte des 20. Jahrhunderts zu stellen. Die Soziologin nutzt die Kollektion aber auch zur Analyse von heutigen Phänomenen. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Abscheu für Fast Fashion, Billigmode, die sie als «Einwegverpackungen» bezeichnet. Und sie kritisiert das blinde Imitieren von Trends, die Influencer in ihren Modeblogs propagieren. Kritzmöllers «Evita» ist eine Verneigung vor Hatscheks Leidenschaft für Mode, die sie zu hundert Prozent teilt.

Augenscheinlich wird dies in Kritzmöllers Jugendstilwohnung im St.Galler Linsebühl-­Quartier, wo sie ganz in Akris ­gewandet zum Gespräch empfängt. Nicht Bilder hängen an ihren Wänden, sondern ein massgeschneidertes Kleid aus St.Galler Guipure-Stickerei, daneben eine eben erst erworbene Akris-Kreation. In der Vitrine an der Wand stehen keine Porzellanfigürchen, sondern extravagante High Heels.

Wenn Kritzmöller über Hatschek redet, spricht sie immer auch ein Stück weit über sich selbst. Und sie verleiht ihr ihre Stimme, indem sie sie im Buch einen fiktiven Modeblog führen lässt. Nach langen Gesprächen mit Andrea Hatschek, Eva Margaritas Tochter, ist sie ihr vertraut geworden: «Ich hätte sie gerne gekannt.» Doch bei aller Seelenverwandtschaft gibt es einen entscheidenden Unterschied:

«Ich vermute, ich bin glücklicher als sie.»
Zu den Ritualen im Schneideratelier gehörte es, dass Paula Winteler ihre Kundin in den neuen Kleidern fotografierte. Eva Margarita Hatschek trägt hier das asiatisch inspirierte Modell Touareg, geschneidert nach einem Entwurf von Yves Saint Laurent. (Foto: Paula Winteler / Besitz Andrea Hatschek)

Zu den Ritualen im Schneideratelier gehörte es, dass Paula Winteler ihre Kundin in den neuen Kleidern fotografierte. Eva Margarita Hatschek trägt hier das asiatisch inspirierte Modell Touareg, geschneidert nach einem Entwurf von Yves Saint Laurent. (Foto: Paula Winteler / Besitz Andrea Hatschek)

Der Gang zu Paula Winteler, der Schneiderin ihres Vertrauens, wurde für Hatschek zu einer unverzichtbaren Konstante: In den Jahren, in welchen sie mit Mann und Tochter in der österreichischen Provinz lebte, und erst recht, als sie wieder nach Zürich zurückkehrte, wo sie als Geschiedene von der Gesellschaft alles andere als mit offenen Armen empfangen wurde und zurückgezogen und zunehmend einsam lebte. Viele Gelegenheiten, ihre schönen Kleider zu tragen, gab es wohl nicht mehr. «Schneidern-Lassen bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, Selbstvergewisserung und Zuwendung», schreibt Kritzmöller. Sie ist überzeugt, dass es Hatschek nicht um die Aussenwirkung ging:

«Sie wollte schön sein für sich selber.»

Monika Kritzmöller: Evita. Fashionista, Bloggerin und die Mode, Flabelli, 110 S., Fr. 35.–



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