BUCH: Staunend von Bild zu Bild

350 000 weisse Blätter hat Roman Signer 1987 in Kassel für einen Moment in den Himmel fliegen lassen. Aline Feichtinger wurde durch diese Kunstaktion zu einem poetischen Text angeregt, der auch das Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur auslotet.

Martin Preisser
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Roman Signer erinnert sich an seine Aktion an der Documenta 1987, Ausgangspunkt für Aline Feichtingers Annäherung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Roman Signer erinnert sich an seine Aktion an der Documenta 1987, Ausgangspunkt für Aline Feichtingers Annäherung. (Bild: Hanspeter Schiess)

In der Schweiz blieb diese spektakuläre Aktion medial damals unbeachtet: 1987 liess Roman Signer in Kassel an der 8. Documenta vor der Orangerie 350 Stapel Papier zu je 1000 Blatt mit 350 Sprengladungen in die Luft schiessen. 300 Meter lang und 15 Meter hoch war die flatternde Papierwand. «Einen Moment staunend sein in der Zeit ohne Zeit, und aus dieser Ewigkeit alsbald erwachen» ist einer der Sätze, mit denen sich die in Heiden lebende Autorin Aline Feichtinger heute dieser Aktion annähert.

Ihr Buch ist auch ein Daumenkino. Hundert Bilder aus dem Video, das der 2014 verstorbene Filmer Peter Liechti damals von der Sprengung machte, wurden für den Band «Die Kultur der Natur» ausgewählt und zeigen die verschiedenen, kurzen Phasen dieser wunderbaren Aktion.
Die Autorin beschreibt diese spezielle Zeit-Skulptur voll Poesie nicht in einem üblichen Lauftext, sondern hat einen ungewöhnlichen, assoziativen Text verfasst. Kurze Sätze stehen dem jeweiligen Still-Bild gegenüber. Aline Feichtingers Sprache entwickelt sich selbst auch, wie die Bilderreihe, fein und hintergründig, der Bewegung der fliegenden Blätter nachspürend.

Poetische Annäherung an die Kunst

«Der Moment, wenn ein hochgeworfener Stein in der Höhe wendet und auf die Erde zurückkehrt, dieser kurze Moment beschäftigt mich mein Leben lang», sagt der St. Galler Künstler Roman Signer, zu dessen achtzigstem Geburtstag im Augenblick in Rom und ab Mai in St. Gallen Ausstellungen zu sehen sind. Dieser Satz bildet Motto und Ausgangspunkt für Aline Feichtingers poetische Auseinandersetzung mit der Aktion in Kassel, die man nach dem Lesen des Textes noch genauer in ihrer Vielschichtigkeit versteht.

«Ein weisses Papierblatt ist von enormem Potenzial und uneingeschränkten Möglichkeiten; es kokettiert damit, Träger unendlich vieler Bilder zu sein.» Ausgehend vom weissen Blatt als Symbol kreativer Möglichkeiten entwickelt Aline Feichtinger in so genauer wie offener Sprache den Weg von der uns rein stofflich umgebenden Natur zu einer Natur, die man stets als eine im Wandel begriffene spürt. Eine Aktion wie die 350 000 fliegenden und wieder landenden Papierblätter animiert auch zu Reflexionen über die Zeit, über das Staunen, über die Momente der Wahrnehmung von Kunst und Natur und über das Phänomen der Erinnerung.

Das Buch «Die Kultur der Natur» ist einmal eine Annäherung an die Aspekte eines Kunstwerks, wie es Roman Signer mit seiner Sprengung ausgelöst hat, nimmt die Kunst aber als Aufhänger, um über Fragen von Erkennen und Erleben allgemeiner nachzudenken. So bietet das Bändchen, das Georg Rutishauser von der Zürcher Edition Fink verlegerisch engagiert betreut hat, auch zwei verschiedene Les- und Betrachtungsarten. Eben als Daumenkino und als Text von A nach B, was der normalen Vorstellung von Zeit entspricht, aber auch im Verweilen bei einer Textseite und bei einem Bildausschnitt dieser flüchtigen Kunstaktion, womit man die Zeit für einen Moment anhalten, ausdehnen und intensivieren könnte. In der feinsinnigen Dialektik zwischen Natur und Kultur, zwischen Reflexion über ein einzigartiges Zeit-Kunstwerk und generellen ästhetischen Fragen besteht der Wert dieses Buches. Mutig ist es insofern, dass es sich kunsthistorischen Sicherheiten konsequent entzieht, nichts interpretieren will und das Erlebnis und das Nachdenken darüber in den Vordergrund rückt. Das weisse Blatt als roter Faden wird dabei auch zum Symbol eines sich konsequent Neueinlassens auf ein Thema, aber eben immer wieder auch für die Natur mit ihrer Wandlungskraft.

Aline Feichtinger: Die Kultur der Natur. Edition Fink, 216 S., Fr. 28.–