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BUCH DER WOCHE: Marlene Streeruwitz blickt in die Abgründe der Sicherheitsdienste

«Der Mann war auf einer Liege in der Mitte des Raums festgeschnallt. Er lag auf dem Rücken. Ein Ledergurt über der Brust. Einer über den Hüften.» Das ist die Versuchsanordnung für einen Verhör-Test.
Marlene Streeruwitz (Bild: Verlag)

Marlene Streeruwitz (Bild: Verlag)

Marlene Streeruwitz blickt in die Abgründe der Sicherheitsdienste

«Der Mann war auf einer Liege in der Mitte des Raums festgeschnallt. Er lag auf dem Rücken. Ein Ledergurt über der Brust. Einer über den Hüften.»

Das ist die Versuchsanordnung für einen Verhör-Test. Amy, Österreicherin Mitte Zwanzig, abgebrochenes Studium, untergekommen bei der Sicherheitsfirma Allsecura, soll ihn bestehen. Drahtlos mit einer Ausbildnerin im Nebenraum verbunden. «Verschärftes Verhör» erlaubt. Bei Bedarf.

Es ist eine Schlüsselszene in «Die Schmerzmacherin», dem neuen Roman der Österreicherin Marlene Streeruwitz: Casting fürs Foltern. Jahrelang hat die 60jährige Autorin recherchiert über private Sicherheitsdienste, die zum Beispiel für die USA weltweit die Drecksarbeit im Antiterrorkrieg erledigen.

Schlimmer als bei Kafka

Deregulierung überall, gerade auch in der Ethik. Im ganzen Roman herrscht Kafka-Atmosphäre, jedoch nicht epigonal. Die Undurchschaubarkeit der modernen Welt ist ja mit der Globalisierung noch viel bedrängender geworden seit Kafkas «Prozess» (1925). Amy schliddert Schritt für Schritt hinein in ihren eigenen Prozess der Anpassung an eine Firma, die, durchökonomisiert wie andere auch, in einem kühlen Regelwerk zum sparsamen Umgang im Einsatz der Mittel anhält. Auch beim verschärften Verhör.

Amy ist wunderschön, aber nicht gerade Ich-stark – weder emotional noch intellektuell findet sie Rückhalt bei den Security-Angestellten, die schon moralisch dereguliert wurden. Auch Amys Familienbande sind lose. Ihre Junkie-Mutter musste sie zu Pflegeeltern geben. Amy ist Enkelin einer Jüdin und eines Nazi-Grossvaters. Ihr Heimatort im Leben: das Dazwischen. «Immer war sie die Schmutzige gewesen. In einem ungenauen Leben.»

Menschliche Wärme sucht Amy, suchen wir Lesende in diesem Roman vergeblich. Umso schärfer erfasst Streeruwitz das Unscharfe der Vorgänge und Beziehungsmuster. Streng und kühn verfährt sie im Beobachten dessen, was untergründig zwischen Menschen und in der Gesellschaft vorgeht. Die Kraft des kühl-poetischen Blicks im dichten Erzählen – das ist der Halt der Form in einer haltlosen Welt.

Zudem entfaltet die Autorin starke Krimi-Spannung. Wir blicken nicht über den Horizont Amys hinaus, erfassen also nie mehr als sie gerade selber durchmacht. Mit ihrem typischen Staccatostil samt immer mehr sich verkürzenden Ellipsen bis hin zu Einsilbenwörtern: Damit erzeugt Streeruwitz auch diesmal eine Satzrhythmik, die einen nicht loslässt.

Menschliche Raubvögel

Bereits der Einstieg in den Roman ist fulminant. Amy lenkt ihren alten Kia zum Ausbildungszentrum an der tschechischen Grenze. Im Winter. Weisse Leere. Der Beginn eines neuen Lebens? Aber unterm Schnee liegen «die alten Spuren aus Eis». Wird da von anderswoher schon vorgespurt? Der Unsicheren erscheint alles ringsum mit Bedeutung aufgeladen. Aber alle Zeichen trügen.

Da sitzt ein Bussard reglos auf einem Brückengeländer. Er fliegt nicht auf vor Amys Auto. Was bedeutet das? Bedeutet es überhaupt etwas? Amy glaubt sich verachtet vom Raubvogel. Oder ist er einfach hungersschwach ? «Nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen.»

Amy ist unterwegs zu den menschlichen Raubvögeln. Ob sie entkommt, sei bei diesem verstörend-betörenden Thriller nicht verraten. Jedenfalls steht er zu Recht auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis 2011.

Heiko Strech

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