BUCH DER WOCHE

Der schwere Tod nach dem Überleben Geht es ans Sterben, werden Erinnerungen mächtig. Als wollten sie einen davon abhalten zu gehen. Der alte Pole Janek jedenfalls liegt dann in seinem Hospizbett und wendet einen Trick an, der für eine Weile hilft, das bedrückende Gedächtnis zu betäuben.

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Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann

Der schwere Tod nach dem Überleben

Geht es ans Sterben, werden Erinnerungen mächtig. Als wollten sie einen davon abhalten zu gehen. Der alte Pole Janek jedenfalls liegt dann in seinem Hospizbett und wendet einen Trick an, der für eine Weile hilft, das bedrückende Gedächtnis zu betäuben. «Er denkt an die Pflanzen», schreibt Sandra Hoffmann in ihrem Roman «Was ihm fehlen wird» über ihren sterbenden Protagonisten, «er sieht sie nicht, er kennt das, es sind Wörter gegen die Angst, es ist eine ganze Stoffsammlung.»

Geschichte blickt zurück

Schon als 16-Jähriger half ihm ein Pflanzenbuch, mit ihm überstand er die Zwangsarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof, die Ausgrenzung und die Einsamkeit, vor allem die dunklen Schatten des Erlebten. Vor seinen Augen hatten Soldaten der Deutschen Wehrmacht seine Eltern und seine Schwester ermordet. Schlimmer aber war noch für den Heranwachsenden, dass sie sich an seinem Hund Izy vergriffen und ihm das Rückgrat brachen. Das geliebte jaulende Tier musste von seinem Schmerz erlöst werden. Janek selbst war es, der seinen vierbeinigen Gefährten erschoss, bevor sie ihn in den Waggon stiessen, in dem er nach Deutschland transportiert wurde, in den ratternden Nächten die Schnauze von Izy vor seinen Augen. «Nie spürt man die Stille besser als nach dem mutwilligen Tod eines Tieres», erzählt er mit gebrochener Stimme seiner letzten Ansprechpartnerin, der ihm immer zuhörenden Schwester Marita mit dem wippenden Pferdeschwanz.

Roman wurde ausgezeichnet

Dieser kleine Roman erhielt schon den Thaddäus-Troll-Preis, bevor er veröffentlicht wurde. Es ist das erste Buch aus dem Hanser-Ableger in Berlin, der kleine Verlag, der von Elisabeth Ruge (früher Berlin Verlag) geführt wird. Sein merkwürdiger Titel «Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist», ist gut getroffen. Denn es geht um eine erstaunliche Rückschau auf ein Leben, das unter solchen schweren Bedingungen begann und sich doch noch ins Gute wendete. Denn der polnische Junge geriet an Leo, einen Landwirt mit Verstand, der zumindest ahnte, welches Unrecht Zwangsarbeitern angetan wurde, und der genügend Herz besaß, dem Fremden seine menschliche Würde zu lassen.

Janek hat den Krieg überlebt. Danach kehrt er nach Polen zurück – und hat wieder Glück. Sein Onkel Stani nimmt ihn auf, er ist – neben Janek – der einzige der früheren Familie, der davongekommen ist. Das verbindet beide Männer. Janek kann zur Schule gehen, studieren, er wird Architekt, später hat er Familie. Aber stets läuft das Erlebte als Gedächtnisspur in seinem Kopf mit. Sein Glück beim Sterben ist Marita, die ihm starke Schmerzmittel gibt und ihm immer zuhört. Sie ist nur Hilfsschwester im Hospiz, etwas unbedarft, versteht wohl vieles nicht, was sie erzählt bekommt, ist aber erfüllt von der Gnade des Zuhörens.

Autorin lebt mit Protagonisten

Sandra Hoffmann erzählt strikt aus der Perspektive von Janek, andere Figuren bekommen nicht viel Platz. Es ist ein Erzählstrom mit Energie, sogartigen Bildern und Sätzen, die schlicht und doch genau gesetzt sind. Diese Autorin kennt die Macht der Sprache, das hebt ihr Buch heraus. Hoffmann hat einen Menschen angeschaut, während sie über ihn schrieb. Sie hat mit ihm gelebt und einen Teil seiner Leiden auch auf sich genommen, das ist in den Sätzen zu spüren. Sie versteht Janeks Sucht nach dem Leben bis zum Ende; er ist nicht einer, der einfach so abtritt, der aufgibt und verlöschen will.

Dennoch hat sie ausreichend Distanz, so bei den Gefühlen ihres Protagonisten. Erzählt von Paula, dem Bauernmädchen, dem Janek nahe kam, obwohl es streng verboten war. Sehr viel später traf er Hannah, vermutlich die Tochter aus dieser Beziehung. Offen lässt die Autorin aber, wie zuverlässig der Gedankenstrom Janeks ist, ob sich Realität und Fiktion nicht allzu sehr vermischen.

Die Autorin, 1967 geboren in Oberschwaben, hat einen klugen kleinen Roman geschrieben. In einer überzeugenden Komposition, viel weniger ein Leidensbericht, der er vom Stoff her hätte werden können. Roland Mischke

Sandra Hoffmann (Bild: Thomas Dashuber)

Sandra Hoffmann (Bild: Thomas Dashuber)

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