Buch der Woche

Zwei Sekunden im Leben - Zsuzsa Banks bewegender Kindheitsroman «Ich hatte mich in Ajas Leben begeben, als sei ein fester Platz für mich immer schon darin vorgesehen gewesen.

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Zsuzsa Bank (Bild: pd)

Zsuzsa Bank (Bild: pd)

Zwei Sekunden im Leben – Zsuzsa Banks bewegender Kindheitsroman

«Ich hatte mich in Ajas Leben begeben, als sei ein fester Platz für mich immer schon darin vorgesehen gewesen. (…) Obwohl ich zu meiner Mutter gehörte, lebte ich bei Aja und Evi und fing an, meine Wege zu verwechseln, sie durcheinanderzubringen und nach der Schule die falsche Richtung einzuschlagen, bis zur Brücke über den Klatschmohn…»

Lange weiss man nicht, wer hier eigentlich spricht – es ist Seri, die andere, unzertrennliche Hälfte des Mädchens Aja, mit der zusammen sie eine sich endlos dehnende Kindheit in Bäumen sitzt, das Rad schlägt und Jahr für Jahr die Linden neu erblühen sieht. Ajas und Thereses/Seris Kinderzeit scheint ein endloser Sommer im Dunstkreis des baufälligen Häuschens zu sein, am Rande des süddeutschen Dorfes Kirchblüt, wo Ajas Mutter Evi eine aus Chaos und Zauber bestehende eigene Welt errichtet hat und Seri darin aufnimmt.

Brüche im Kindheitsidyll

Was Zsuzsa Bank – deren erster erfolgreicher, vielfach preisgekrönter Roman «Der Schwimmer» acht Jahre zurückliegt – in «Die hellen Tage» erzählt, hat etwas von einer langen Weile, in der Zeit und Ort in der Intensität eines magischen Jetzt aufgehoben sind. Aber der Eindruck täuscht. Was so unbewegt, so idyllisch scheint, ist vom ersten Moment an von bedrückenden Geschichten unterwandert.

Nur sind die Hinweise darauf zart und übersehbar. Warum hat Seri keinen Vater? Warum schlägt sich Evi die langen Beine an, so dass sie immer voller blauer Flecken sind? Irgendwann ist von Evis Vergangenheit als federleichter Seiltänzerin die Rede, zusammen mit Zigi, Ajas Vater und Trapezkünstler, der inzwischen nur noch für ein paar Wochen im Jahr kommt, um das Haus zu reparieren und Ajas und Evis Leben für eine kleine Weile vollständig zu machen.

Dann stösst der Junge Karl zu den Mädchen, dessen Eltern getrennt sind und dessen jüngerer Bruder auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Mit ihm tritt eine dritte Mutter in diesen Mutter-Kind-Kreis der stillen Ereignisse.

Was Zsuzsa Bank wie ein fast schon kitschiges Sommeridyll entwickelt hatte, enthüllt sich langsam, Schicht um Schicht, als eine Sammlung verborgener Geschichten von Verlassenheit und Verlust, zwischen denen über die Jahre eine gemeinsame Geschichte wächst; die Geschichte einer zerbrechlichen Schicksalsgemeinschaft.

Wege zum Erwachsensein

Zsuzsa Banks Erzählen kommt völlig ohne Dialoge aus. Man schaut den sprachlosen Figuren wie aus grosser Ferne zu, und es sind viel weniger die Charaktere selbst als die Bewegungen zwischen ihnen, der langsame Tanz der Beziehungen, der hier porträtiert wird, die winzigen Verschiebungen, die mehr als einmal alles verschieben und grundlegend neu ordnen.

Die ungarische Autorin erzählt in einer Sprache, die an den Singsang von Kindern erinnert, voller Blütenblätter, Gerüche und Gesten; eine Sprache, die sich immer auch als Suchbewegung nach den richtigen Wörtern zu erkennen gibt: «als müsse er die Wörter, die er wisperte, auffangen, als habe er Angst, sie könnten herunterfallen und auf den Fliesen des Badezimmers zerspringen».

Man kann sich leicht täuschen über dieses Buch; meinen, es sei leicht zu fassen in seiner langen geduldigen Weile, in der Zeit, die es sich über 540 Seiten nimmt, die Bewegungen zwischen diesen acht, neun sich tief miteinander verbindenden Menschen zu beobachten. Aja, Seri und Karl werden erwachsen, wählen Berufe, ziehen miteinander nach Rom – «wir hätten uns aus den Augen verlieren können... aber wir lösten unsere Bande nicht».

Es geschehen Brüche, es kommen Geheimnisse ans Licht, die erneut alles verschieben und einmal mehr einen zentralen Gedanken des Buches herausstellen: wie oft und in wie vielen Leben es «zwei Sekunden sind, die unsere Wege umlenken können». Zwei Sekunden, in denen ein Kind entführt werden kann, ein Leben beendet, eine Liebe entschieden.

Davon mit ungeheurer Eindringlichkeit und auf ihre poetische Weise zugleich höchst realistisch zu erzählen, ist Zsuzsa Bank bewundernswert gelungen.

Bernadette Conrad