Buch der Woche

Sensibler Amokläufer durch unsere Zeit Was für ein langweiliges Buch! Da geht ein Mann im Laufe eines Tages durch Wald und Niemandsland zu einer grossen Metropole (Paris). Dabei begegnet er ein paar Menschen. Das ist alles.

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Peter Handke (Bild: ap/Kerstin Joensson)

Peter Handke (Bild: ap/Kerstin Joensson)

Sensibler Amokläufer durch unsere Zeit

Was für ein langweiliges Buch! Da geht ein Mann im Laufe eines Tages durch Wald und Niemandsland zu einer grossen Metropole (Paris). Dabei begegnet er ein paar Menschen. Das ist alles. Was für ein fesselndes Buch! Denn die Spannung zwischen Innen und Aussen der Hauptfigur in «Der Grosse Fall», der neuen Erzählung Peter Handkes – sie ist gewaltig. Das Ganze ist derart sprach- und wahrnehmungssensibel geformt, dass es einem wieder einmal den Atem nimmt. Musikalisch-rhythmisch wie eine symphonische Dichtung, dabei auch visuell betörend.

Kunstpreis und Amoklauf

Hauptfigur: ein Schauspieler. Hinter ihm versteckt sich Sprachkünstler Handke, der ja nicht weit von Paris wohnt. Der Bühnenkünstler in «Der Grosse Fall» soll abends einen Kunstpreis entgegennehmen und tags darauf in einem Film einen Amokläufer spielen. Dabei ist ihm der Sinn seiner Kunst längst abhanden gekommen.

Sarkozy, joggend

Auf der Suche nach Sinn und Ich wandert er also durch Wald und Niemandsland zur grossen Stadt, nimmt den Pfad auf der magischen Schattenlinie zwischen Bewusst und Unbewusst. Begegnet unter anderem Reiterin, Priester, Ministrant, Clochard, balkanischer Prostituierter und, umwerfend satirisch gefasst, «dem Präsidenten» – Sarkozy, joggend mit Entourage.

Das Thema der Selbstfindung ist durchaus gewichtig, Ur-Thema für uns alle. Doch Handke entfaltet es hier in der Balance von Schwer zu Leicht. Der Schauspieler unter einem schäbigen Hut mit einer Falkenfeder zieht los wie bei den Brüdern Grimm – hinein in eine Sprachwelt ständiger Metamorphosen, in deren Wirbel das Gewichtige wörtlich keinen leichten Stand hat.

Vertrautes neu sehen

Wie schon früher erzählt Handke auch hier gern im Konjunktiv, plaziert hinter Aussagesätzen sofort eine Frage, ein manisches «Oder». Stellt uns Lesenden somit Alternativen zu allen möglichen Vorgängen zur Wahl. Virtuos wechselt er die Perspektiven, spricht uns auch mal direkt an, springt jäh ins Innere des Schauspielers. Mit Neologismen – etwa: «Blitzmoment, Irrtumsgegenstände, Gegengebrüll» – und Verfremdung sucht er Vertrautes neu und produktiv zu sehen.

Der «Irrtumslehrpfad»

Einen Höhepunkt humorvoller Erkenntnislehre bietet der Autor, indem er den Schauspieler die Idee eines «Irrtumslehrpfades» entwickeln lässt – Gegenstück zu den Lehrpfaden in unser aller Alltag. «Eine eingerollte und in Zeilenform gestrichelte Birkenrinde erschiene als mittelalterliche Handschriftenrolle. Ein Viereck von wie ineinanderverknüpften Edelkastanienschnüren wäre ein Orientteppich. Eine Wildschweinkotkugel eine schwarze Trüffel. Ein Oval gefügt aus Bucheckernschalen wäre ein Umhang aus kostbaren Süd- oder Sonstseemuscheln.»

So erschliesst sich dem Schauspieler und uns aus dem Wirklichen der Reichtum des Möglichen. Das ist der zweite, der Alternativen-erschliessende Blick des Kunstschaffenden. Hier entsteht die Gegenwelt aus Sprache.

Doch halt! Peter Handke, der sich einst provokant einen «Bewohner des Elfenbeinturms» nannte – von diesem Elfenbeinturm poetischer Sprache aus nimmt er unsere Wirklichkeit scharf ins Visier. In «Immer noch Sturm» (2010) hatte er seine Familienbiographie im Zweiten Weltkrieg gestaltet. Jetzt begegnet sein Schauspieler der Gewalt im Alltag, etwa den «Nachbarnkriegen».

Grosse und kleine Kriege

«Einer trampelte unter Kriegsgebrüll auf einer Art Windrose herum, die er mit Hilfe eines Lassos von dem Nachbarfirst gerissen hatte. Einer vollführte seinen Kriegstanz auf des Nachbarn Riesenaussenthermometer. Einer pisste von einer Stehleiter auf das feindliche Zucchinibeet.» Grosse und kleine Kriege überall. Entfremdung, Gewalt, Hass, Vorurteils-Orgien.

«Es war eine Endzeit» – schreibt Handke lapidar. In der märchenhaften Magie seiner geschliffenen, manchmal bewusst altertümlichen Sprache steckt ein Menetekel. Und der Schauspieler erscheint jäh als ein – gibt es das? – lyrisch-hellsichtiger Amokläufer durch unsere Zeit.

Kein Mangel

«Der Grosse Fall»: Ein Rätseltitel. Hat die Menschheit ihn vor – oder vielleicht schon hinter sich? An kollektiven Katastrophen fehlt es uns jedenfalls nicht, seit langem. Und vor kurzem.

Heiko Strech