BUCH DER WOCHE

«Lochhansi»: Jeannot Bürgi erzählt eine Kindheit als Findelkind Ein Dreikäsehoch ist er, als er eines Tages mit dem Vormund in den Zug steigen muss, wegfährt, in die Berge, und dort in eine Bauernfamilie kommt.

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Jeannot Bürgi (Bild: Andrea Bickel)

Jeannot Bürgi (Bild: Andrea Bickel)

«Lochhansi»: Jeannot Bürgi erzählt eine Kindheit als Findelkind

Ein Dreikäsehoch ist er, als er eines Tages mit dem Vormund in den Zug steigen muss, wegfährt, in die Berge, und dort in eine Bauernfamilie kommt. Sie wohnt im «Loch», hinten im obwaldnerischen Bürglen, so wird der Bub zum Lochhansi. «Ich brauchte keinen Vater und keine Mutter, nun hatte ich auf einmal Eltern, und mir war bewusst, irgendwie musste ich damit zurechtkommen», schreibt Jeannot Bürgi, etwas gar altklug, in den Anfangskapiteln seines Lebensberichts «Lochhansi».

Sittenbild der Vierzigerjahre

Es ist nicht die Geschichte eines Verdingkindes wie im Film, sondern eines Findelkinds. 1939, am Rand des «Landi»-Festgeländes, wird eine Kartonschachtel gefunden, mit einem Baby drin. Das Kind einer Prostituierten, wie der Autor später erfährt. «Ein Gof, das fehlte gerade noch, damals Ende der dreissiger Jahre, mitten in Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, mit dem Krieg vor der Tür.» Der kleine Hansli kommt zuerst in Zürich bei Mama Früh unter, die noch andere verschupfte Kinder aufnimmt. Und wird dann von der Bauernfamilie in Bürglen adoptiert. Sein erster Eindruck sind die bedrohlich riesigen Kühe. «Muhheim» nennt er die neue Heimat für sich.

Es ist eine enge, arme Welt, in die Lochhansi gerät. Der Grossvater, der dem «Bätziwasser» zugetan ist, und der Vater, lebenslustig und im Holzbau tätig, gefallen dem Buben zwar. Umso fremder bleibt ihm die neue Mutter, fromm und so sittenstreng, dass sich der Vater bei anderen «Wiibern» schadlos hält. Und die Leute im Dorf schon bald munkeln, der Kleine sehe dem Adoptivvater auffällig ähnlich.

Ungeschminkt und deftig malt Bürgi das Sittenbild der ländlichen Vierzigerjahre. Da werden auf dem Heustock heimlich «Ferkeleien» getrieben, da strafen die Lehrerinnen, Menzinger Schwestern, mit Rosenkränzen und Kellerverlies, wenn einer ein «böser Bub» ist wie der Lochhansi. Und das ist man schnell in diesem Dorf, bei diesem tiefschwarzen Katholizismus, der nur Hölle oder Fegfeuer kennt, bei dieser bigotten Mutter. «Etwas zum Schämen gab es immer. Nur schon einen Wunsch auszusprechen, war Grund genug, sich zu schämen. Darum waren Wünsche lächerlich. Dann wurde man ausgelacht. Und über allem die Zurechtweisung: <Hesch nüüd Gschiiders z tue?>»

Ewiger Weiber Krach

Dazu kommen die Streitereien im Dorf. «Wie verwandter, so verdammter» heisst ein Spruch; man ist bald mit dem einen Onkel, bald mit der andern Schwester im Hader. Der Vater reibt sich auf an dem, was er EWK nennt: «Ewiger Weiber Krach».

Der Bub steht fassungslos vor den «Auswüchsen einer fast archaisch anmutenden Streitkultur». Sie bestärken ihn im Willen, «diesem Land eines Tages den Rücken zu kehren» – was er denn auch tut: Er absolviert gegen den Willen der Mutter die Sekundarschule, macht eine Kochlehre in Luzern, schafft es an die Kunstgewerbeschule und beginnt eine Holzbildhauerlehre. Da erfährt er auch die wahre Geschichte seiner Herkunft, als er bei der Heimatgemeinde um ein Stipendium nachfragt.

Nach einem unsteten Künstlerleben hat Jeannot Bürgi seine Erinnerungen aufgeschrieben, zuerst nur für seine Nachkommen gedacht. Das Manuskript gelangte zum Limmat Verlag, und Bürgi, der chronisch lungenkrank in einer Klinik im Sarganserland liegt, freut's: Wenn 2000 Exemplare verkauft würden, dann gebe es eine Fortsetzung seiner Lebensgeschichte, hat er mit dem Verlag ausgemacht.

Allgegenwart des Todes

Zu den dichtesten Stellen im Buch gehört, wie der Bub die Allgegenwart des Todes miterlebt. Dem neuen Doktor traut man nicht; wird jemand krank, probiert man es zuerst einmal mit Hausmitteln, betet ein «Fiifi» (fünf Vaterunser und Ave-Marias), und nach neun Tagen soll der Patient entweder gesund sein – oder es «chlänkt» die Totenglocke, und die Seele des Verstorbenen entweicht durchs «Seelenfenster», das es in vielen Bauernhäusern noch gab.

Mit dem Schicksal will Jeannot Bürgi nicht hadern. «Das Leben hat es doch gut mit mir gemeint», schreibt er in der Einleitung. Zur Beerdigung seiner Mutter ist er nicht gegangen, und ob sein Vater wirklich sein Vater war, «interessiert mich nicht mehr». Da spricht einer, der gezwungen war, sich selbst zu behaupten. Der hinten im «Loch» viel über das Leben gelernt hat. Und über das Sterben.

Peter Surber

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