BUCH DER WOCHE

Rafik Schami, der Bub aus Damaskus und die Lehre der Scheherasad Es ist etliche Jahre her, Rafik Schami weilte für ein halbes Jahr an der ETH Zürich, um am Collegium Helveticum junge Wissenschafter mit seiner wachen Neugier zu beeindrucken.

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Rafik Schami (Bild: ky/Gaetan Bally)

Rafik Schami (Bild: ky/Gaetan Bally)

Rafik Schami, der Bub aus Damaskus und die Lehre der Scheherasad

Es ist etliche Jahre her, Rafik Schami weilte für ein halbes Jahr an der ETH Zürich, um am Collegium Helveticum junge Wissenschafter mit seiner wachen Neugier zu beeindrucken. Er hielt einen Vortrag, sah, was in dieser Zeitung als Zusammenfassung stand, und meldete sich überraschend mit der Bitte, den Berichterstatter kennenlernen zu dürfen.

Von Syrien nach Deutschland

Das war uns natürlich eine Ehre. Und eine Freude dazu: Denn der lange Nachmittag in Gesellschaft dieses Schriftstellers verlief ungemein lebendig. Rafik Schami erzählte von seiner Kindheit und Jugend in Damaskus, vom Exil in Deutschland, vom Sich-Zurechtfinden in einer ganz andern Welt. Wie er, der studierte Chemiker, zum Schriftsteller wurde. Wobei man in seinem Fall wohl sagen muss: zum Geschichtenerzähler. Natürlich war auch von der politischen Situation die Rede, die nicht zu trennen ist von der Geschichte. Geschichte, das bedeutet vierhundert Jahre osmanische Besetzung, gefolgt von – je nach Land – dreissig bis fünfzig Jahren europäischer Besetzung. Und von jenen Diktaturen, die heute ins Wanken kommen.

Auch in Rafik Schamis Heimat Syrien. Dort ist er aufgewachsen als aramäischer Christ, das heisst als Angehöriger einer doppelten Minderheit. «Die Kultur, die mich formte», ist eine islamische arabische Kultur, an der sowohl arabische Christen und Juden wie auch moslemische Nichtaraber mitgewirkt haben», beschrieb er einmal seine ziemlich komplizierte Ausgangslage. In dieser Kultur lernt man es, Geduld zu haben, «im Arabischen sind die Wörter Geduld und Mut eng miteinander verwandt».

Scheherasad ruft

Geduld und Mut: Diese zwei Eigenschaften sind es, welche die junge Scheherasad dazu bringen, vor den brutalen König Schahrayar zu treten und ihm Geschichte um Geschichte zu erzählen, tausendundeine Nächte lang. Scheherasad ist es auch, die den Damaszener Strassenjungen auf seinem Weg zum Geschichtenerzähler begleitet. Von diesem Weg erzählt Rafik Schami in seinem neuesten, autobiographischen Buch, das in locker gefügten Kapiteln noch einmal einen Blick wirft auf die Welt der Kindheit. Und auf den Menschen, der diese Kindheit geprägt hat: den Grossvater.

Keine Idylle

Mit ihm spaziert der kleine Rafik durchs Quartier, in dem alle Arten von Geräuschen zu hören sind und wo es nach Anis duftet. Mit ihm faltet er Papierschwalben, die er ungern wieder hergibt. Von ihm lernt er, dass Phantasie kein Alter kennt. Dass der Mensch «nur da ganz Mensch ist, wo er spielt», wie Rafik Schami Schiller zitiert.

Eine Idylle ist diese Kinderwelt nicht. Als Dreizehnjähriger erlebt Rafik Schami, wie man den Vater vor seinen Augen verhaftet. Er beobachtet, wie Spitzel einziehen in die Gasse. Sie tragen ihre Pistole ganz offen, Angstmacher nennt er sie deshalb.

Vielleicht, fügt Rafik Schami bei, «waren wir als Kinder nie so satt, so gehätschelt und vor jedem Schaden sicher und versichert wie die Kinder heutzutage, doch wir hatten die Strasse. Wir dehnten die Kindheit aus, so lange es ging.» Die Strasse hat ihre Regeln, man lernt «die Bedeutung von Verantwortung, die Grenzen der Freiheit und die Grundregeln des Umgangs miteinander». Hier aber lernt er auch, als Erzähler Menschen zu fesseln.

Nacht für Nacht vor dem Radio

Hier – und vor dem Radio. Zehn Jahre alt ist Rafik Schami, als angekündigt wird, tausendundeine Nacht lang würden nun die Geschichten der Scheherasad gesendet. Er darf aufbleiben, Nacht für Nacht, obwohl er anderntags müde ist in der Schule. Denn «diese Nächte waren meine Schule».

Erzählen ist Leben

Heute ist Rafik Schami sicher, Scheherasad hat nie aufgehört zu erzählen, «denn Erzählen glich dem Leben und Schweigen dem Tod». Wer Menschen unterdrücken will, muss sie zum Schweigen bringen. Und damit das nicht ganz gelingt, trotz aller Spitzel mit gut sichtbaren Pistolen, braucht es Erzähler wie ihn.

Rolf App